Zu treuer Hand nachhalten

Was ist Nachhaltigkeit? Annäherung an einen zentralen Begriff.

Blick zurück nach vorn

Weitsicht       Foto © Heartbeatbox/photocase

Uwe Pörksen

"Ein Halt, den man nach oder außer andern hat, und woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält."

Das Wort sustainable ist anscheinend eine Neuschöpfung der 70er Jahre, vermutlich des Club of Rome. In dem Zukunfts-Szenario ‘Grenzen des Wachstums’ von 1972 taucht es auf. Man sei auf der Suche nach einem Modell, heißt es da, welches für ein Weltsystem stehe, das zwei Beschaffenheiten haben solle:
„That is 1. sustainable without sudden and uncontrollable collapse; and 2. capable of satisfying the basic material requirements of all of its people“.
Ein Modell und System, haltbar ohne plötzlichen und unkontrollierbaren Kollaps und fähig, die Grundbedürfnisse aller Menschen zu sichern – sustainable ist in diesem Moment noch ein Kunstwort.

Man findet es selbst im Oxford Dictionnary for Advanced Learners of current English der 80er Jahre noch nicht, sondern nur das Verb ‘to sustain’ mit den Bedeutungen: am fallen oder sinken hindern / befähigen, sich zu behaupten / stärken / unterstützen / etwas aushalten, durchmachen. – Vom Wie, wie soll die Stabilität zustande kommen, sagt das Wort vorläufig nichts.

Das deutsche Wort ‘nachhaltig’ ist inzwischen aufgetaucht, aber noch nicht in einem näher und genauer bestimmten Sinn, den auch der Brundtland-Report von 1987 ausspart, als er auf höchster Ebene sustainable development zum Schlüsselbegriff der Zukunft erklärt und in einer Definition vorstellt, die weltweit ungezählt wiederholt worden ist:
„Sustainable development is development, that meets the needs of the present without compromizing the ability of future generations to meet their own needs.“
„Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der Gegenwart gerecht wird, ohne das Vermögen zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“
Damit wird eine zwingende Haushaltsregel ausgesprochen, die, so allgemein sie gehalten ist, bereits eine Revolution bedeutete, wenn sie befolgt würde: Man sollte so haushalten, daß die Grundlagen weiterzuwirtschaften nicht verschwinden, sondern erhalten bleiben. Eine nähere, konkretere Haushaltsregel ist damit auch hier nicht in Sicht.

Was sagen die Wörterbücher der deutschen Sprache zum Thema?
Wenn ich mich an die Abteilung V, Wörterbücher, des Deutschen Seminars der Freiburger Universität wende, erfahre ich zunächst: das Wort ‘nachhalten’, ‘nachholden’ oder ‘naholden’ war im Spätmittelalter ein Ausdruck der deutschen Rechtssprache. Es bedeutete: etwas aufbewahren, etwas freihalten. Wenn ein Schuhmacher seine Werkstatt ohne eigenes Verschulden verlassen muß, so können seine Nächsten ihm „dat werk nachholden jar unde dach“, heißt es um 1350 – zu treuen Händen, „tho truwer handt naholden“ bedeutet, einen Beruf, ein Lehen, ein Bürgerrecht, die vorübergehend verloren oder aufgegeben sind, eine Zeitlang freizuhalten, nicht zu besetzen. Nachhalten ist hier also Vorsorge für die Zukunft als ein Rechtsverhältnis – reservare. Das bekundet schon ein Wörterbuch aus dem Jahr 1758, der Verfasser hieß Haltaus (vgl. Deutsches Rechtswörterbuch 1992-1996).
Joachim Campes Wörterbuch von 1809 – Campe ist der Hauslehrer Wilhelm und Alexander von Humboldts gewesen, ein vielbeachteter Pädagoge seiner Zeit – läßt bereits eine allgemeinere Bedeutung erkennen: nachhalten ist bei ihm ‘mit haben’, ‘gleichsam bis nach der gewöhnlichen Zeit halten’, ‘dauern, das Seinige leisten, lange halten, widerhalten’.
Seine Erläuterung des Substantivs Nachhalt läßt aufhorchen: „Ein Halt, den man nach oder außer andern hat, und woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält.“ Campes Beispielsatz: „Kein Almosen – aber Freundschaft muß ihr Vertrauen auf Kapital legen; wie leicht geht Barschaft ohne Nachhalt zugrunde“ (Benzel-Sternau).
Campes Wörterbuch ist das erste, in dem das Wort nachhaltig und Nachhaltigkeit vorkommt. Er erläutert den Begriff mit einem Satz von Goethe: „Er schien nunmehr zum ersten Mahle zu merken, daß er äußerer Mittel bedürfe, um nachhaltig zu wirken.“ Campe erläutert das Eigenschaftswort und Adverb ‘nachhaltig’: einen Nachhalt habend, nachher, später noch anhaltend, dauernd – ‘davon die Nachhaltigkeit, der Zustand, die Beschaffenheit eines Dinges, da es nachhaltig ist’. Campes Bestimmungen gehen weiter als die obigen Formulierungen. Nachhaltigkeit ist ein Zustand, eine Qualität (Beschaffenheit) von Dingen, die vorhalten, dauern. Sie ist ein Index, ein Dingwert. Nur Nachhalt stiftet Vertrauen und Campe setzt diese Qualität gleich mit Kapital.

Die späteren Wörterbücher sind unergiebig, auch im 20. Jahrhundert, eine gewisse Ausnahme ist der sogenannte Große Duden. ‘Nachhaltigkeit 1. längere Zeit anhaltende Wirkung, 2. (forstw.) forstwissenschaftliches Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann.’ ‘Aus dem Prinzip der N. leitet sich für die Wirtschaft eine Strategie ab, die auf qualitativem Wachstum beruht.’

Die Herkunft des deutschen Wortes Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft oder der nahe Zusammenhang mit ihr ist früh bemerkt worden; er gibt dem Begriff Anschaulichkeit und verstärkt seine inhaltliche Kontur. Der Forstwirt muß weit voraussehen und in Generationen rechnen, nicht im Zyklus von 6, 7 Jahren, in denen Wertschöpfungen sich in letzter Zeit verdoppeln konnten. Er muß die Wachstumszeiten der Baumarten im Blick haben, die von ihnen benötigte und geprägte Umwelt, die Frage, ob sie besser als Monokultur oder als Plenterwald gedeihen, und so weiter. Nachhaltiges Wirtschaften heißt hier, den Menschen im Wechselspiel mit der gesetzmäßigen Geschichte der Natur im Auge zu haben. Er muß sich verhalten wie eine Vorsehung, die nicht nur der Gegenwart, sondern auch der Zukunft wohl will.

Das Bild der forstwirtschaftlichen Nachhaltigkeit nimmt Maß am Haushalt der Natur und liefert eine eindrucksvolle Spielregel für den vernünftigen Umgang mit ihr. Aber wie weit reicht das Bild der Waldwirtschaft? Es ist ein schmaler Ausgangspunkt. Sobald wir das Gebiet der Landwirtschaft betreten, verändert sich das Bildfeld. Jetzt handelt es sich um den Boden, um Bodendüngung, Wasser, Saatgut, die Witterung, den Zyklus eines Sommers, „Gesundheit der Luft“, wie es einmal hieß.
Was ist hier Nachhaltigkeit? Oder, anders gefragt – was ist ihr Gegenteil? Was ist überhaupt der Gegenbegriff zu Nachhaltigkeit?
Hier scheint ein Wort zu fehlen, vor allem eines, das genau so sachlich klingt und arbeitet. Der Begriff Nachhaltigkeit ist doppelt eingebettet in die Geschichte, er bedenkt die Geschichte des Menschen und der Natur, nimmt auf beide Rücksicht und setzt dabei einen Maßstab, den des Erhalts.
Das Gegenteil ist Abbau und Raubbau, ein Mangel an Rücksicht und Vorsicht, Ausbettung aus der Geschichte der Natur und menschlichen Kultur. Ein Ausdünnen der Optionen, Besetzung der Zukunft. Sie wird zugebaut. Das Erbe wird durchgebracht, das zu treuen Händen Übergebene veruntreut, verschwendet, auf Nimmerwiedersehen verabschiedet, aufgebraucht. An die Stelle der kleinen Aschegrube tritt der Müllberg. Das genaue Gegenteil des Prinzips der Nachhaltigkeit wäre die Territorialisierung und Auspoverung des Planeten durch eine zukunftsblinde Spezies.

Ich freue mich, dass uns der Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen seinen hilfreichen Beitrag zur Begriffsklärung der Nachhaltigkeit überlassen hat. Der Text ist die stark gekürzte Version eines Vortrags, den Prof. em. Uwe Pörksen anläßlich eines Symposiums der bemerkenswerten Regionalwert AG im April 2009 in Freiburg i. Br. gehalten hat. Die umkreisende Annäherung an den Begriff scheint mir von großem Wert zu sein. Sie erlaubt uns, ihn sich anzueignen, in unser Handeln und Hoffen einzubinden.

Kommentare

Entfremdet

Wie, das ist seit langem meine Frage, entziehe ich mich dem Sog der Gesellschaft, die sich nur über quantitatives Wachstum definiert.
Ich bin 1989 in Frankfurti während einer Lesung Rupert Riedl begegnet. Aus dieser Begegnung entstand ein Gespräch, das sich bis kurz vor seinem Tod in Briefen und Diskussionen fortgesetzt hat. Er der Biologe, der viele Bücher veröffentlicht hat, ich die Leserin, ohne Studienabschluss, haben einander zugehört, miteinander geredet. "Wenn du für diese Kultur etwas tun willst, dann darfst du an ihr nicht Maß nehmen. Es verlangt eigenen Stil und Unkorrumpierkarkeit, also Rückgrat", diesen Satz von Rupert Riedl wurde mein Lebensmotiv.
Wenn im ICH Raum für das DU wird - weitet sich ein freigewordenes WIR.
Beim Besuch (Mai 2013)der Leech Kirche in Graz sah ich rund um die Kirche eine Allmende. Eine Gemeinschaftswiese. Beete die von jedem bepflanzt werden können, die gemeinsam gepflegt werden wollen und geerntet. Für mich ein spannendes Experiment - sich nicht über das meinige, deinige sondern über das unserige zu definieren.
Milena Findeis, www.zeitzug.com

Copyright

Weitergabe Noncommercial (Euro) Share Alike
Wir wollen, dass Sie unsere Beiträge nutzen können!
Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: 52wege.de/Uwe Pörksen

Back to top