Wie man wenig wollen kann

David Turnbull

Wenn man sich entscheidet, ein einfacheres Leben zu führen, gibt es zwei Herausforderungen: Wenig zu besitzen und wenig zu wollen. Dennoch verschmelzen die meisten Menschen diese beiden Herausforderungen in das einzige Ziel, „einfacher zu leben“. Leider sind das zwei ganz unterschiedliche Biester, die man nur jeweils in der ihnen eigenen Art zähmen kann.

Um wenig zu besitzen muss man praktisch an die Sache herangehen – systematisch das eigene Leben entrümpeln und das Unwesentliche entfernen. Wenig zu wollen manifestiert sich andererseits in unserer Art zu denken – das ist ein weitaus verschwommenerer Aspekt der Einfachheit.

Aufrichtig wenig zu wollen ist schwierig. Es widerstrebt unserer tief verwurzelten Begierde nach Sicherheit, aus der unser Wunsch nach Besitztümern erwächst. Diese psychische Abhängigkeit zu durchschneiden, benötigt weit mehr als Schritt-für-Schritt-Anleitungen oder eine lange Liste von Taktiten. Es benötigt einen Wandel in deinem Denken, einen Wandel, wie du an dein tägliches Leben herangehst und wie du Entscheidungen fällst.

1. Du brauchst eine Vision für dein Leben. Ziele sind irgendwie hilfreiche Werkzeuge um von A nach B zu kommen. Doch oft mangelt es ihnen an Tiefe, Emotionen und Bedeutung und ohne diese drei Zutaten mangelt es an Zielgerichtetheit und das Ganze ist wenig mitreissend.
Denke über den Lebenswandel den du willst als Ganzes nach, anstatt dich nur auf deinen Wunsch zu fokussieren, wenig zu wollen. Was willst du besitzen? Wie wirst du deine Zeit nutzen? Wo wirst du sein? Sei konkret.
Diese Skizze funktioniert wie ein Trichter. Begierden, mehr zu wollen, mögen drauf und dran sein, dich zu überwältigen, doch weil du klar bestimmt hast, was dir wichtig ist, werden nur diese Dinge ihren Weg durch den Trichter finden, die deinen Absichten zuträglich sind. Es wird viel einfacher sein „Nein“ zu etwas zu sagen, wenn du sicher bist, dass es nicht ein Teil des grossen Bildes ist.

2. Finde deine Beweggründe. Was ist dein „Warum“? Warum willst du wenig? „Weil es echt in ist“ ist leider nicht genug, um deinen Hunger nach immer mehr zu stoppen. Ich selbst will wenig, weil ich monatlang durch die Welt reisen möchte. Mich mit den neuesten technischen Errungenschaften und Spielereien auszustatten stünde dem entgegen.

Das wären noch einige andere übliche Gründe:
• Es spart Geld, das für die Rente, für Reisen oder für wohltätige Zwecke verwendet werden kann.
• Es verringert Stress.
• Es wird mehr Zeit frei, die ich dafür abzweigen kann, weniger zu arbeiten, weniger zu putzen und weniger zu reparieren.

Sei nicht einfach grundlos Minimalistisch. Sei absichtsvoll und wissentlich in deinem Bestreben, wenig zu wollen.

3. Erfahre die Vorteile. Ganz gleich, wie oft zu schon von den Vorzügen wenig zu wollen gehört hast oder deine Beweggründe mit aller dir zur Verfügung stehenden Kraft visualisiert hast: Einen nicht überfrachteten Lebensstil zu erfahren, wird immer der beste Weg sein, von einer „will mehr-“ zu einer „will wenig-“Geisteshaltung zu wechseln.

Es gibt einige Wege, auf denen du in diese Richtung gehen kannst – jenseits dessen, gleich jetzt einfach alles fortzuwerfen, was du besitzt:
• Plane einen kurzen Urlaub, auf den du so wenig wie möglich mitnimmst, auch keine technischen Geräte oder Modeartikel. Packe nur das Wesentliche ein.
• Such dir einen Raum in deiner Wohnung oder deinem Haus aus, den du in eine Nicht-Zeugs-Zone verwandeln willst. Stopf so viel zu kannst von dem Zeug aus dem Raum in einen Vorratsraum, in den Keller oder die Garage. Nehme wahr, ob es sich auf deine Gelassenheit auswirkt, wenn du zwischen den Räumen wechselst.
• Suche Orte auf, deren Eigenart es ist, ganz und gar frei von Krempel zu sein. Ein Zen-Tempel wäre ein idealtypischer Ort dieser Art.

4. Sei unverbindlich. Entscheidungen werden bedrohlich, wenn sie wie in Stein gemeisselt sind. In anderen Lebensbereichen mag ein wenig Angst eine gute Sache sein, aber wenn man danach strebt, das Verlangen nach mehr zu eliminieren ist es unnötig und unerwünscht. Das Vorhaben ist auch ohne diese zusätzliche Hürde herausfordernd genug.
Es gibt keinen speziellen Punkt, der in unserem Anhaften an Dinge zu überschreiten wäre, es gibt keine Berge, die es zu überwinden gilt. Es geht allein um einen Lebensstil, von dem du jederzeit ablassen kannst, eine Geisteshaltung, die deine Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, in keiner Weise beeinträchtigt. Wate durch das seichte Wasser, bevor du in die Tiefe hinabtauchst.

5. Verstehe die Psychologie der Beeinflussung. Marketing und Handel sind ein Teil dieser Welt und es wäre blöd, diese Bereiche zu verfluchen, denn tatsächlich sind wir alle auch Verkäufer und Händler – es kann uns nur gelingen, unsere Leben zu gestalten und unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, wenn wir einander hören und uns miteinander austauschen. Was allerdings nicht heisst, dass du in die Falle billiger psychologischer Tricks zu fallen brauchst. Ein Start wäre es, zum Beispiel Robert Cialdinis Klassiker „Die Psychologie des Überzeugens“ zu lesen. […]

6. Wachse hinein. Beginne mit kleinen Siegen. Sei achtsam bei all deinen Besorgungen und achte auch auf die Begierden, die in dir aufsteigen. Frage dich regelmäßig: „Passt das in meinen Lebensentwurf?“
Du wirst stolpern, das liegt in der Natur der Sache. Die Welt will dich verführen, mehr zu wollen – und das ist eine mächtige Herausforderung.
Sei beharrlich in deiner Frage nach weniger und umgebe dich mit positiven Einflüssen – klassischen Werken der Literatur wie dem Tao Te King oder Walden von Thoreau, ebenso wie mit gleichgesinnten Menschen, die nicht mehr länger an die Dingwelten gekettet sein wollen.

7. Verliere dich. Kaufen ist ein Prozess, in dem wir uns verlieren. Als Erstes fällt uns etwas in den Blick, dann wollen wir es haben und dann kommt der innere Konflikt („Sollte ich es kaufen?“). Wenn wir uns davon überzeugt haben, dass wir unser Geld dafür ausgeben werden, gibt es genau in dem Moment, in dem wir es erwerben, diese kleine Aufregung. Tu trägst das Produkt nach Hause. Und dann benutzt du es.
Das ist eine spannende Abfolge von Ereignissen – voller Unsicherheit und Möglichkeiten – von denen wir fortgetragen werden. Doch das Problem ist, dass es zumeist mit einem Kater endet, einem geplünderten Girokonto und mit all den anderen Kosten der Dinge.
Lerne dich in anderen Aktivitäten zu verlieren, als denen des Erwerbs. Anstatt mit nervöser Vorfreude auf das nächste Dingsbums hinzufiebern kannst du lernen, diesen Prozess in etwas anderem zu erleben – im Schreiben, Musizieren oder Malen. Lege deinen Fokus darauf, interessante Dinge zu tun anstatt interessante Dinge zu kaufen.

8. Mach dir die Kosten klar. Wahrscheinlich hast du eine Leidenschaft oder ein Projekt, für die du ein wenig Geld gebrauchen könntest.
Ein einfacher Trick, den ich benutze, um den Erwerb von Dingen zu vermeiden, ist, die Kosten des infragestehenden Dings mit den Kosten meiner Leidenschaft zu vergleichen.

Zum Beispiel träume ich davon, mit dem Rucksack durch Thailand zu reisen.
Nun, sagen wir einmal es kostet 25 Euro, einen Tag in Phuket zu leben. Wenn ich nun ein Xbox-Spiel sehen würde das für 50 Euro angeboten wird, frage ich mich: „Ist dieses Spiel es wert, zwei Tage in einem fremden Land zu opfern?“ In den meisten Fällen ist die Antwort ein sonores „Nein!“. Das ist in all jenen Fällen so, in denen du ansonsten einen sinnlosen Impulskauf tätigen würdest.

Wenn die Antwort in Form eines klaren „Ja!“ zurückkommt, ist auch das in Ordnung. Nichts ist verkehrt daran.
Wenig zu wollen heißt nicht, sich von dem loszusagen, was einem wichtig ist. Es geht darum, all den Krempel loszuwerden, der immer wieder neu seinen Weg in unsere Leben findet. Achte dabei einfach darauf, dass du dir selbst gegenüber ehrlich bleibst.

Dieser Artikel stammt von David Turnbull, er wurde erstmals auf der Website zenhabits.net unter dem Titel How to Want Very Little veröffentlicht. Seine eigene englischsprachige Website Adventures of a Barefootgeek enthält eine Menge wertvoller Anregungen. Übersetzung: Dirk Henn.

Kommentare

An sich guter Beitrag, hätte

An sich guter Beitrag, hätte aber den Ansatz ein wenig zu hinterfregen, denn es geht sicher nicht darum, das "Nicht haben Wollen" als eine neue "Haben-Option" des "willentlichen Wollens" zu verstehen, sondern als eine Abkehr von diesem willentlichen "Wollen".

Europäer sind aber meist nur in Dualitäten geschult (ja /nein - kaufen/nicht kaufen ) "haben" es schwer, sich eine andere Art des Bedürfnisses vorzustellen, welches nicht von logischen dualistischen, fordernden Argumenten begleitet wird, sondern nur Verzicht als neue Dimension bedeuten kann.

Ein bißchen kategorisch

Guten Tag "Gast oder so",

jeder Anfang, jeder Versuch, jedes Ausprobieren ist oftmals steinig, holprig, nicht stimmig, in sich hinterfragbar. Doch steht es dem Ansatz nicht entgegen. Man kann ja auch auf gewundenen Wegen in die richtige Richtung gehen...

Wollen und nicht wollen,..

Auf gewundenen Wege in die "richtige "Richtung gehen, gibt es jetzt also das "Dogma" des "Nicht Wollens" als einzige "richtige" Seinswahrnehmung und Wegbeschreitung, das ist ja nun gerade das wovor ich warnen "wollte"!?

Es muss auch angemessen und erkennbar bleiben, sich frei dorthin und dahin bewegen zu dürfen, ohne "vorgesetzen" und vorgegebenen Mustern folgen zu müssen. Vorschläge für ein anderes Leben sind sicher angenehm und der aktuellen Situation angemessen (gesellschaftlich) aber daraus ein neues zwingendes und positivistisch besetztes "Muss" zu zimmern und zu destillieren, halte ich für recht bedenklich und arg "teutonisch"?

Für mich ist daher der Ansatz stellenweise recht dogmatisch und zu konsum-konformistisch, bzw. noch weiter in wirtschaftlich orientierten Verwertungsmustern gedacht, die es zu leicht machen, dies als ebenso nur neue "Verwertungsoption" im allgemeinen, bekannten Warenangebot zu missdeuten (ach, jetzt machen wir gerade auf "Nicht-Wollen", Du echt,..) - und nicht als komplette Alternative und neue Wegbestimmung dagegen zu stellen.

Eine komplett andere Richtung, die eben darum frei & offen gehalten werden sollte, weit weg von ökonomistischer Ausdeutung, um darin die grundsätzliche Abkehr von bekannten, verbreiteten Mustern & Normen zu entdecken, zu finden, zu suchen und zu betonen

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