Von der Wertlosigkeit der Dinge

Das Ende der Reise

Das Ende der Reise     Foto © Tal Bright/flickr

Paul Graham

Ich habe zu viel Zeug. Den meisten Menschen in Amerika geht es so. Und je ärmer Menschen sind, desto mehr Zeugs scheinen sie zu horten. Kaum jemand ist so arm, dass er sich nicht einen Vorgarten voller alter Autos leisten kann.

Das war nicht immer so. Die Dinge waren rar und wertvoll. Du findest noch immer Beweise dafür, wenn du danach Ausschau hältst. Zum Beispiel haben in meinem Haus in Cambridge, das 1876 erbaut wurde, die Schlafzimmer keine Kleiderschränke. Zu jener Zeit passte die Kleidung der Menschen in eine Kommode.

Selbst in jüngster Vergangenheit, vor wenigen Jahrzehnten, gab es eine Menge weniger Zeugs. Wenn ich mir Fotos aus den siebziger Jahren anschaue, erstaunt es mich, wie leer die Häuser wirken. Als Kind besaß ich, wie ich fand, eine große Spielzeugauto-Flotte, aber von dem, was mein Neffen besitzen, wird sie völlig in den Schatten gestellt. Alles in allem bedeckten meine Matchbox und Corgi-Autos ein Drittel der Fläche meines Bettes. In den Zimmern meiner Neffen ist das Bett der einzige freie Platz.

Die Dinge sind viel billiger geworden, aber unsere Haltung ihnen gegenüber hat sich nicht entsprechend gewandelt. Wir überbewerten Dinge.

Das war ein großes Problem für mich, als ich kein Geld hatte. Ich fühlte mich arm, und Zeugs schien wertvoll zu sein, also sammelte ich es beinahe instinktiv an. Wenn Freunde umzogen, ließen sie Dinge für mich zurück oder ich fand etwas im Sperrmüll, wenn ich die Strasse entlangging und die Dinge für die Abholung am nächsten Tag bereitgestellt waren (hüte dich vor allem, das du als "völlig in Ordnung" beschreiben könntest), oder ich fand etwas auf dem Flohmarkt – für den Zehntel seines Neuwertes. Und Rumms: Mehr Zeugs.

In der Tat waren diese geschenkten oder nahezu geschenkten Dinge keine Schnäppchen, weil sie sogar noch weniger wert waren, als sie kosteten. Das meiste von dem Zeug, das ich ansammelte, war wertlos, weil ich es nicht brauchte.

Was ich nicht verstand: Der Wert der Neuanschaffungen ist nicht die Differenz zwischen seinem Handelspreis und der Kaufsumme. Das war der Wert, den ich ihm zuschrieb, doch Zeugs ist ein extrem unbeweglicher Aktivposten. Solange du nicht die Absicht hast, den wertvollen Gegenstand den du so günstig erstanden hast zu verkaufen – welchen Unterschied macht es da, was er "wert" ist? Der einzige Weg, auf dem du irgendeinen Nutzen aus ihm ziehen kannst, ist ihn zu nutzen. Und wenn du keine direkte Verwendung für die Dinge hast, wirst du sie meist wohl nie haben.

Firmen die Zeugs verkaufen haben große Geldsummen aufgewendet um uns in dem Glauben zu wiegen, Zeugs sei dennoch wertvoll. Doch es ist näher an der Wahrheit, Zeugs als wertlos anzusehen.

Und oftmals ist es sogar noch weniger als wertlos, denn wenn du es erst einmal eine bestimmte Menge an Dingen angesammelt hast, beginnen sie, dich in Besitz zu nehmen – eher als dass du sie besäßest. Ich weiß von einem Paar, die sich im Rentenalter nicht in die ihrer Wahl Stadt zurückziehen konnten, weil sie sich kein Wohnung leisten konnten, die groß genug für all ihr Zeugs gewesen wäre. Ihr Haus gehörte nicht ihnen, es gehörte ihrem Krempel.

Und wenn du nicht extrem organisiert bist, kann ein Haus voller Zeugs sehr erdrückend sein. Ein unordentlicher Raum zieht Lebenskraft. Ein Grund ist naheliegenderweise, dass es in einem Raum voller Zeugs weniger Platz für Menschen gibt. Aber da ist noch mehr am Werke, als nur dies. Ich denke, dass Menschen andauernd ihre Umgebung scannen, um ihr mentales Modell von dem, was sie umgibt, zu aktualisieren. Und je schwerer ein Ort zu erfassen ist, desto weniger Energie bleibt einem für bewusste Gedanken. Ein vollgestopfter Raum ist anstrengend. (Das würde erklären, warum Unordnung Kinder weniger ausmacht, als Erwachsenen. Kinder haben noch weniger ausgefeilte mentale Modelle. Sie bauen sich gröbere Modelle ihrer Umgebungen, und das braucht weniger Energie.)

Die Wertlosigkeit der Dinge erkannte ich zum ersten Mal, als ich für ein Jahr in Italien lebte. Alles was ich mitnahm, war ein großer Rucksack voller Dinge. Der restliche Krempel ließ ich in den USA auf dem Dachboden meiner Vermieterin zurück. Und weißt du was? Alles was ich vermisste, waren einige der Bücher. Am Ende des Jahres konnte ich mich noch nicht mal erinnern, was sonst ich auf dem Dachboden gelagert hatte.
Und doch, warf ich nicht mehr als eine Kiste voll von all dem Zeugs fort, als ich zurückkam. Ein Wählscheibentelefon wegwerfen, das völlig in Ordnung ist? Ich könnte es eines Tages gebrauchen.

Der wirklich schmerzvolle Aspekt daran ist ja nicht nur, dass ich all dieses nutzlose Zeug ansammelte, sondern dass ich für diese Dinge oftmals Geld ausgab, dass ich dringend benötigt hätte für etwas, das ich derzeit nicht hatte.

Warum tat ich so was? Weil die Leute, deren Job es ist, dir Zeugs zu verkaufen, das wirklich sehr, sehr schlau anstellen. Ein durchschnittlicher 25-Jähriger ist den Firmen nicht gewachsen, die Jahre darauf verwendet haben herauszufinden, wie sie uns dazu bringen können, Geld für Zeugs auszugeben. Sie machen die Erfahrung des Dinge-Kaufens so angenehm dass "Shopping" zu einer Freizeitaktivität wird.

Wie kann man sich vor diesen Leuten schützen? Es ist nicht einfach. Ich bin ein durchaus skeptischer Mensch, aber ihre Tricks funktionierten bei mir bis weit in die 30er Jahre meines Lebens hinein. Aber eine Sache, die funktionieren könnte, ist – bevor du etwas kaufst – dich selbst zu fragen: "Wird das mein Leben merklich verbessern?"

Eine Freundin von mir kurierte sich selbst von ihrer Kleider-Kauf-Angewohnheit, indem sie – bevor sie irgendetwas kaufte – sich selbst fragte: "Werde ich das andauernd tragen?" Wenn sie sich nicht selbst davon überzeugen konnte, dass das Teil, das sie zu kaufen gedachte, eines jener wenigen Dinge würde, die sie andauernd trug, kaufte sie es nicht. Ich denke, das funktioniert für jede Art von Erwerb: Wird das etwas sein, dass ich andauernd nutze? Oder ist es einfach einfach eine nette Sache? Oder noch schlimmer, einfach ein Schnäppchen?

Der schlimmste Krempel sind in dieser Hinsicht Dinge, die du kaum benutzt, weil sie zu gut sind. Nichts nimmt dich so in Beschlag wie zerbrechliche Dinge. Zum Beispiel das "gute Porzellan", das so viele Haushalte aufbewahren, und dessen hervorstechendste Eigenschaft nicht darin besteht, dass es Freude bereitet, es zu benutzen, sondern dass man höllisch aufpassen muss, es nicht kaputt zu machen.

Ein weiterer Weg sich davor zu bewahren Zeugs anzuschaffen, besteht darin, die Gesamtkosten zu bedenken, die sein Besitz verursacht. Der Kaufpreis ist nur der Anfang. Du musst dir das Ding über Jahre vorstellen – vielleicht sogar für den Rest deines Lebens. Jedes Ding, das du besitzt, entzieht dir Energie. Einige geben dir mehr, als sie dir nehmen. Sie sind die einzige Dinge, die es wert sind, besessen zu werden.

Ich habe nun damit aufgehört, Zeugs anzusammeln. Außer Bücher – aber Bücher sind anders. Bücher sind eher eine Flüssigkeit als individuelle Objekte. Abgesehen von Büchern vermeide ich Krempel nun aktiv. Wenn ich Geld ausgeben will für irgendein Vergnügen, ziehe ich tagtäglich Dienstleistungen den Dingen vor.

Ich behaupte nicht, dass das so ist, weil ich eine Zen-artige Nichtanhaftung an die Dinge erlangt habe. Ich spreche über etwas Mondäneres. Ein geschichtlicher Wandel hat sich vollzogen. Und ich habe es nun erkannt. Zeugs war wichtig und ist es nun nicht mehr.

In den industrialisierten Ländern geschah in der Mitte des 20. Jahrhunderts dasselbe mit Lebensmitteln. Als Nahrung billiger wurde (oder wir wurden reicher; das ist ununterscheidbar), wurde Überernährung zu einer größeren Gefahr als Unterernährung. Wir haben diesen Punkt nun in Bezug auf die Dinge erreicht. Für die meisten Menschen, ob arm oder reich, sind die Dinge zu einer Last geworden.

Die gute Nachricht ist: Wenn du eine Last trägst, ohne es zu wissen, vermag dein Leben besser zu sein, als du es dir vorstellen kannst.
Stell dir vor, du läufst seit Jahren mit kiloschweren Gewichten an deinen Füssen durchs Leben und ganz plötzlich werden sie dir abgenommen.

Dieser Artikel stammt von Paul Graham, er wurde erstmals auf seiner Website unter dem Titel Stuff veröffentlicht. Übersetzung: Dirk Henn.

Kommentare

Die Dinge in meinem Leben

Leben ist Wandel. Alles fließt.
Das verkennen wir oft und halten fest an allem, in diesem Fall an Zeug.
Dinge kommen zu mir, und wenn ich mag, begleiten sie mich;
ich gebe ihnen (Zeit)Raum in meinem Leben.
Habe ich diese Zeit bewusst und freudvoll genutzt, mich beispielsweise an dem schönen Geschirr erfreut, hat mich ihre Energie bereichert.
Dann kann auch gelassener wieder loslassen, mich am Mehrwert erfreuen:
Wir hatten eine gute Zeit zusammen. Die Erlebnisse sind im Herzen. Darauf kommt es an.
Das Vergangene macht Platz für Kommendes.
Für neue Energie. Alles zu seiner Zeit.

War gut, mal wieder drüber nachzudenken.

Uta.

Zum Thema Geschirr

Hi,

dazu kann ich eine tolle Geschichte erzählen:
Meine Eltern haben vor einigen Jahren lange gespart um sich ein ganz besonderes Porzellen-Service zu kaufen und es vergingen, glaube ich, drei Jahre bis sie ein komplettes Set für sechs Personen zusammen hatten.

Ich mache mir selbst nicht so viel aus Geschirr, fand das Service aber ganz ansprechend und freute mich eigentlich mit für meine Eltern, dass sie dieses Ziel nun erreicht hatten und wir zu gegebenen Anlässen (Weihnachten, Ostern, Geburtstage, usw.) nun aus richtig edlen Tassen trinken würden.

Doch zur nächsten Familienfeier erblickte ich auf dem Tisch quietschbunte Tassen aus so unkaputtbarem Plastikporzellan und fragte meine Eltern was das denn sei und wo das schöne Service denn ist.

Sie antworteten: "Das steht in der Vitrine. Zum Benutzen haben wir bei Tchibo dieses einfache Service für € 70,- gekauft."

Seit dem dränge ich jedes Mal wenn ich da bin darauf, das teure Service zu benutzen.
Und manchmal schaffe ich es auch, und dann steht das blöde Billig-Service im Schrank und der Traum aus edlen Tassen zu trinken wird erlebbar.
Kaputt gegangen ist noch nichts.

Aline

Hab ich es gut,

weder Vitrine, noch gutes Porzellan hindern mich ...

Ich hab mich hier eben köstlich amüsiert.
Der Wiedererkennungswert eines jeden Lesenden ist sicher, denke ich ...

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