Vom Wert des Zuhörens

Ganz Ohr

Ganz Ohr       Foto © Franziska Fiolka/photocase

Dirk Henn

Eigentlich bin ich es gewohnt, sogleich etwas zu tun. Zu antworten, Vorschläge zu unterbreiten, etwas zu besorgen, einen Plan zu machen, die Dinge in die Hand zu nehmen. Doch wenn ich wirklich hier sein will, geht das nicht. Oft verschwindet die Welt, so wie sie ist, genau in diesem schnellen Tun.

Was aber braucht es, um im Tun in Kontakt zu sein?
Als ich in der vergangenen Woche Leos Artikel "In diesem Moment" übersetzt habe, hat mich erstaunt, wie sehr es ihm darum geht, zuzuschauen.

Zuschauen (und mehr noch für mich das Zuhören) kann so viel möglich machen.

Seit ich Kinder habe, wird es mir eine Freude, ihnen einfach zuzuschauen – je länger je mehr. So wie heute am frühen Morgen, wenn mein Sohn Benjamin, mit einem Auge blinzelnd, auf einem Bein hinkend, die Treppe hinabsteigt, übellaunig und müde. Oder wenn Tim seine Hand auf den Rand des Milchtopfs legt, bis er spüren kann, wie die Feuchtigkeit des aufsteigenden Wasserdampfs seine Handfläche ganz benetzt hat.
Auf die Gefahr hin, ein langweiliger Begleiter zu sein, verharre ich im Gewahrsein und beginne zu ahnen, wer mir da begegnet. Und reagiere erst, handle erst, antworte erst, wenn nach einiger Zeit durchsickert, was gerade sie tun, wie sie gerade sind. Und ganz gleich, was immer ich unternehme – zurück bleibt diese klare Zuversicht, die sich nur im Moment selbst entfalten kann. Die Zuversicht, wie großartig und wunderbar diese beiden Menschen sind.

Wenn ich etwas wirklich verstehen will, wenn ich wirklich mit etwas in Berührung kommen will, komme ich nicht umhin, zunächst innezuhalten und zuzuhören. Was da ist, wie es aussieht, wie das klingt. Oft erst nach einigen Minuten stellt sich eine Verbindung her. Zu dem Menschen, der mir da gegenüber sitzt, zu der Wiese, über die ich gehe, den Herbstwald mit diesen wenigen Novemberblättern, die in ihrem schweren dunklen Rot inmitten dieses nebligen Tags noch einmal aufleuchten.

Früher habe ich mehr nachgedacht. Doch das funktioniert meist nicht richtig. Nicht umsonst heißt es nachdenken. Es ist ein Denken, das den Dingen nachgeht. Es ist immer zumindest einen Augenblick hinterher, hinter der Zeit die ist und die vergeht.

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: 52 Wege / Dirk Henn

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