Vom richtigen und vom falschen Minimalismus

Stadt gegen Land

Sieht so Minimalismus aus?

Sieht so Minimalismus aus?       Foto © owik2/photocase

Leo Babauta

Ich höre oft, dass man in San Francisco nicht minimalistisch leben kann – weil es eine Stadt ist, weil es teuer ist dort zu leben, weil dort alle Menschen so geschäftig und gehetzt sind. Das verwirrt mich, weil ich mich dann frage, was im Verständnis dieser Menschen Minimalismus eigentlich ist.

Es gibt nicht nur eine Weise, Minimalismus zu leben – man kann das machen, indem man in einem Bauwagen lebt, mit dem Rucksack um die Welt reist, in einem winzigen Haus lebt, auf einer großen Farm oder sonstwo.
Für mich bedeutet es, ein einfaches Leben zu genießen, mit meiner Frau und meinen Kindern; zu lernen, zufrieden zu sein und nicht dauernd Dinge kaufen zu müssen; mit weniger Besitz aber dafür mehr Zeit zu leben; Dinge zu tun, die ich liebe und dafür Raum im Leben zu haben.

Das kann ich überall.

Natürlich sind viele Menschen in Städten (auch in San Francisco) sehr geschäftig. Das heißt nicht, dass ich das auch sein muss. Viele Menschen fahren den ganzen Tag wie verrückt in Autos herum – aber ich gehe zu Fuß oder nehme öffentliche Verkehrsmittel. Viele Menschen verharren in einem Leben, in dem sie andere beeindrucken müssen, aber mir ist das nicht so wichtig.

Wohnungen in San Francisco sind teuer, aber davon abgesehen, muss ich nur sehr wenig Geld ausgeben. Meist koche ich selbst, mit einfachen Zutaten; wenn ich etwas brauche, kann ich es meist in Second-Hand-Läden erwerben; meist bin ich zu Fuß unterwegs. Was ich an San Francisco so mag, ist das geistig aufgeschlossene Umfeld, diese enorme Ansammlung gleichgesinnter Menschen, die mit Freude ihr eigenes Ding durchziehen, wachen Geistes und in Liebe zu Natur und Kunst. Ein großartiges Umfeld, das meinen Kindern als Erkundungsraum dient.

Zugleich fragen sich andere, ob sie ein minimalistisches Leben im Umland oder in einer kleinen Stadt führen können –, wo sie keinen Zugang zu guten öffentlichen Verkehrsmitteln haben und auf ein Auto angewiesen sind. Natürlich kann man das: Überall kann man lernen, Zufriedenheit zu finden, unnötiges Zeug loswerden und seine Zeit mit Dingen verbringen, die wenig oder gar nichts kosten und einem Freude machen. Du kannst, wenn du magst, dein Auto nur noch spärlich verwenden, wo immer möglich zu Fuß gehen oder Rad fahren und Dinge daheim oder in der direkten Nachbarschaft tun. Es gibt auch Menschen, die ihr Auto sogar ganz abgeschafft haben, obwohl sie auf dem Land oder in Vorstädten leben – auch Menschen mit Kindern.

Minimalismus braucht keine bestimmte Umgebung. Es gibt keine Vorbedingungen für Minimalismus. Mach es so, wie du magst, wie du kannst – wo immer du gerade bist.

Dieser Artikel stammt von Leo Babauta, er wurde erstmals auf seiner Website mnmlist.com unter dem Titel city vs. country minimalismus veröffentlicht. Übersetzung: Peter Brandenburg, Lektorat: Dirk Henn.

Kommentare

Interessanter Artikel

Hallo Leo,

eine interessante Frage, die Du hier erläuterst. Ich denke auch, dass das Umdenken im Kopf beginnt und nicht an Stadt oder Land gekoppelt ist. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass mir das Leben in der Stadt allerdings nochmal sehr drastisch den Überfluss veranschaulicht hat, in dem wir leben. Ich weiß nicht, ob ich damit auf dem Land ähnlich intensiv konfrontiert gewesen wäre ;-)

Viele Grüße

Minimalismus erfordert Umdenken

Sehr schöner Artikel, der zeigt, dass Minimalismus im Kopf beginnt, also meist drastisches Umdenken erfordert. Das kann je nach Setting schwieriger oder einfacher sein. In Großstädten sicher eher schwieriger, aber machbar für denjenigen, der entschlossen ist.

Ich finde nicht, dass es in

Ich finde nicht, dass es in Großstädten schwieriger ist, genau umgekehrt. In großen Städten kann man öffentliche Verkehrsmittel benutzen, findet eine vielzahl an Büchern in einer Bibliothek, während auf dem Land ein Auto fast ein muss ist und die Bibliothek kaum etwas interessantes bietet. Auch kann man seine Wäsche in einem Waschsalon waschen, den gibt es auf dem Dorf nicht und eine eigene Waschmaschine ist angesagt. Mir würden bestimmt noch mehr Beispiele einfallen, aber da müsste ich erst mal nachdenken ....

Minimalismus ist vielseitig

Vielen Dank für die Übersetzung dieses aufschlussreichen Artikels. Genau, Minimalismus ist mehr als mit nur einem Rucksack voller Dingen zu leben. Ein faszinierendes Thema, auch für mich. Ich schau mich jetzt mal in deinem Blog um. Bin durch Tim von MyMonk.de drauf gestoßen. Frohes Schreiben und Leben weiterhin :) Sandra

Ich finde den Begriff auch

Ich finde den Begriff auch etwas unpassend in Bezug auf Lebensstile. Wenn von einem minimalistischen Layout die Rede ist, weiß man in etwa was gemeint ist. Aber was heißt minimalistisch leben? Das ist so unendlich dehnbar, dass es keine Bedeutung hat.

Minimalsimus

Dass aber auch immer für alles eine Definition her muss. Umso mehr über Minimalismus geredet wird, desto mehr bekommt man das Gefühl, es wäre etwas Besonderes, Minimalist zu sein. Und gleich dieser Stempel, wozu soll das gut sein.
Mir wurde letztens in einem verachtungsvollen Ton gesagt: "Du bist so ein richtiger Minimalist!"
Dabei habe ich bereits ohne viel Überflüssiges gelebt, ohne dass ich überhaupt wusste, dass es dafuur wieder eine Defintion gibt.
Ich sehe mich selbst nciht als Minimalist, sondern eher als jemanden, der mit enig zufrieden ist. Und das mache ich nicht daran fest, wieviel ich von was besitze.

ja, aber...

was ist denn der Unterschied zwischen minimalistisch und einfach?
Man kann in einem Bauwagen leben und der ist trotzdem bis oben hin zugestopft.
Du lebst in San Francisco? Warum? Wie lange schon?

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: 52 Wege / Leo Babauta

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