Selbstversorgung, auf japanische Art

Im Garten

Im Garten       Foto © Sean Sakamoto

Sean Sakamoto

Wo auch immer man in Japan hingeht, immer werden einem die Gärten auffallen.
Selbst in ziemlich dicht besiedelten Vororten wird jedes Fleckchen Erde mit Hingabe und Akribie kultiviert, üblicherweise von Großvätern und Großmüttern die, vom Leben gezeichnet, mit krummem Rücken zu Werke gehen.

Wenn Menschen in diesem Land alt werden, arbeiten sie in ihren Gärten. Ganz gleich, zu welcher Zeit des Jahres oder wie gut oder schlecht das Wetter ist. Sie sind draussen in der brutalen Sommerhitze, sie zupfen Unkraut im winterlichen Morgendunst, der einem die Kälte bis unter die Haut treibt. Umringt von Frühlingskirschblüten pflanzen sie Tomaten und während sich um sie herum die Herbstblätter feuerrot färben, ernten sie Kürbisse.
Zur Erntezeit ist es üblich, dass Nachbarn einen an den Gaben ihres Gartens teilhaben lassen und einfach eine Tüte mit Gurken oder Bohnen oder was auch immer vorbeibringen.

Und es erstaunt mich, wie inspirierend die Lebendigkeit dieser 70 bis 90 Jahre alten Menschen ist, die so hart draussen arbeiten.

Während des Mittagessens an der Schule, an der ich arbeite, wendet sich das Gespräch ausnahmslos der Frage zu, welche Lebensmittel gerade Saison haben, und das reicht weit über den Garten hinaus, bis hinein in den Wald. An den Wochenenden gehen wir mit Freunden in die Wälder und ernten jene Wildgemüse, die gerade Saison haben. Am vergangenen Wochenende waren es Wildzwiebeln, Farnkräuter und Wasabiblätte, am vorangegangenen Wochenende Bambussprossen.

Jeder scheint einen Verwandten zu haben, der mit einem Pflaumenbaum, einem Esskastanienbaum oder zumindest doch mit irgendeiner Art von Busch oder Gehölz gesegnet ist, das etwas hergibt, das man eine gewisse Zeit des Jahres futtern kann.
Die enge Verbindung mit der Natur ruft in Erinnerung, dass Ernährung ein Teil der natürlichen Rhythmen ist. Jede Mahlzeit gleicht einem Fest, eine Feier dessen, was immer diese Woche uns auch dargeboten hat. Ich liebe es, bei der Auswahl der Speisen dem Kalender zu folgen.
Die Weintrauben vorauszuahnen, die im späten Sommer kommen werden, macht sie viel süßer, wenn sie schließlich in meinem Mund zerplatzen. Die Nahrungsmittel die vor Ort gewachsen sind und vor Ort gegessen werden schmecken so gut, weil sie frisch sind. Sie wurden nicht auf Kosten des Geschmacks auf Haltbarkeit gezüchtet, sie mussten erst gar nicht hergestellt werden, um die wochenlange Reise auf meinen Teller unbeschadet zu überstehen. Wer jemals eine Tomate auf dem Höhepunkt ihrer Reife gegessen hat, weiss, wovon ich spreche. Dasselbe gilt für Rettich, Kartoffeln, Kürbis und so viele andere Nahrungsmittel. So wie ein Brot am besten an dem Tag schmeckt, an dem es gebacken wurde, sind Gemüse am besten an dem Tag, an dem sie gepflückt wurden.

Ich frage mich, ob der Fokus auf frisches Gemüse und der Wert der harten Gartenarbeit das ist, was meine betagten japanischen Nachbarn befähigt, noch mit 90 Jahren die Hacke zu schwingen. Gibt es eine Verbindung zwischen einem gesunden Lebensabend, einem tiefen Interesse an Gartenbau und der Freude an frischem Obst und Gemüse – das ganze Jahr hindurch? Und selbst wenn da nichts dran ist – fit zu bleiben und gut zu essen sind für mich allein schon hinreichende Gründe, es auszuprobieren.

Die Stadt vermietet Gartengrundstücke, für 40 Euro im Jahr. Unsere Familie hat eines gemietet (das sind meine Frau Noriko und mein Sohn Kazu in unserem Garten – auf dem Foto oben). Als wir am ersten Tag dort ankamen und ein wenig im Boden herumstocherten, kam gleich eine ganze Horde alter Männer und gab uns Ratschläge. Die Menschen liehen uns Werkzeuge, gaben uns zu trinken und zeigten uns, wie man´s macht.
Mein Sohn Kazu liebt es im nahegelegenen Bach zu spielen, während Noriko und ich Unkraut ausreissen und Setzlinge einpflanzen. Es ist ein schöner und praktisch kostenfreier Weg für eine Familie, einen Nachmittag zu verbringen. So weit geht es uns gut. Einige Bohnenpflanzen und der Spinat haben bereits begonnen, zu wachsen. Mit etwas Glück werde ich im August einige Tüten voll Gemüse mit meinen Nachbarn teilen können.

Dieser Artikel stammt von Leo Babauta, er wurde erstmals auf seiner Website zenhabits.net unter dem Titel What is truly necessary? veröffentlicht. Sein täglicher (englischsprachiger) Newsletter bietet eine Vielzahl von wertvollen Anregungen. Übersetzung: Dirk Henn.

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: 52 Wege / Sean Sakamoto

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