Sachte und beharrlich

Über die Macht des Allmählichen

Tropfen für Tropfen in eine neue Welt

Tropfen für Tropfen       Foto © Steve took it/flickr

Ian Newby-Clark

Es gibt keine schnelle Lösungen. Dein Leben zu ändern braucht Zeit.

Wenn du tagein tagaus an etwas arbeitest, kannst du starke positive Veränderungen deines Lebens bewirken. Doch wenn du nicht dranbleibst, mögen die Ergebnisse enttäuschend sein. Noch so viele "Blitzlösungen", "Crashkurse" oder "Kurzdiäten" können Dir nicht die Ergebnisse bescheren, die in der Macht des Allmählichen liegen.

Ich schlage ein Experiment vor: Lass einen Wasserhahn tropfen – so wenig wie möglich, sodass er vielleicht nur zwei Tropfen pro Minute verliert.

Stelle einen leeren Eimer darunter. Nun fahre fort mit deinem Tagwerk, vergiss den Wasserhahn. Wahrscheinlich brauche ich dir nicht einmal zu sagen, dass du den Wasserhahn vergessen sollst, es wird so oder so passieren. Irgendwann später geh mal am Eimer vorbei. Unglaublich – da ist eine Menge Wasser drin, vielleicht läuft der Eimer sogar schon über.
Das ist die Kraft des Allmählichen, der Effekt von kleinen Dingen die wieder und wieder (und wieder) geschehen.

Die Macht des Allmählichen verbirgt sich auch im Zinseszins.
Es gibt einen recht einfachen Weg eine vergleichsweise große Menge an Geld anzusparen. Er ist langsam, aber er funktioniert. Zahle so viel Geld wie möglich auf ein Sparkonto ein – ein ganz gewöhnliches, auf dem Zins und Zinseszins auflaufen. Je früher desto besser, also mach es gleich jetzt. Dann überweise regelmäßig Geld auf das Konto. Schau nicht auf den Kontoauszug, richte am besten einen Dauerauftrag ein, sodass du dich nicht mehr um das Konto zu kümmern brauchst. Schneller als du denkst ist es Zeit in den Ruhestand zu gehen. Heiliger Strohsack, du bist reich!

Die Macht des Allmählichen begegnet mir auch beim Schreiben von Texten.
Jeden Werktag schreibe ich für ungefähr zwei Stunden. Manchmal, besonders wenn ich an einer ersten Fassung arbeite, erscheinen mir die zwei Stunden wie verlorene Zeit, weil all mein Schreiben ein einziges Geplapper ist. Ich nehme mir das Textfragment am nächsten Tag erneut vor und überarbeite es. Und ich überabeite es am darauffolgenden Tag. Manchmal weiß ich einige Tage lang noch nicht mal, wohin mich das führt. Doch plötzlich, wie aus heiterem Himmel, fügt es sich zusammen. Tatsächlich gibt es dieses "plötzlich" nicht – vielmehr begegnet mir hier erneut die Kraft des Allmählichen.

Die Macht des Allmählichen kann sich entfalten, ganz einfach, weil viele kleine Dinge zu einer großen Sache werden, wenn man nur genug kleine Dinge hat. Gib ihm genug Zeit, und das unaufhörliche Tropfen des Wassers wird zu einem Ozean. Gib ihnen genug Zeit, und kleine regelmäßige Rücklagen wachsen zu einem kleinen Vermögen an. Gib ihm genug Zeit, und die beständige Arbeit an einem schrecklichen ersten Entwurf führt am Ende zu einer passablen Endversion.

Doch jetzt kommt´s: Wir neigen dazu, die Kraft des Allmählichen mit Verwunderung zur Kenntnis zu nehmen. Wir sind erstaunt über die Menge an Wasser im Eimer, über die Höhe unseres Bankguthabens, über die Schönheit unseres Textes.

Das ist so, weil wir dem Dringlichen, den gewichtig daherkommenden Dingen und den sensationellen, Furore machenden Neuigkeiten große Aufmerksamkeit schenken. Wir jammern über den Tod unserer Lieblings-Schauspielerin oder über die Opfer des jüngsten Flugzeugabsturzes, aber die Informationen über die AIDS-Pandemie in Afrika nehmen wir nur am Rande wahr und sie berühren uns nur wenig. Wir bewundern einen wunderschönen Satz und vergessen die Stunden unerbittlichen Feilens, die es brauchte, ihn genau so hinzubekommen.

Lasst uns dieser Tendenz von uns bewusst sein. Wenn wir uns von den dringlichen, gewichtig daherkommenden Dingen und den sensationellen Neuigkeiten ablenken lassen, gerät die Kraft des Allmählichen in Vergessenheit.
Erinnere dich an die Macht des Allmählichen, besinne dich auf sie in deinen dunklen Momenten. Entspanne dich. Bleib dran. Es wird kommen.

Ian Newby-Clark ist Professor für Psychologie. Seine Arbeit ist der Erforschung unserer Gewohnheiten gewidmet. Praktisch umsetzbare Hilfestellungen für eine dauerhaften Wandel ungeeigneter Gewohnheitsmuster bietet er auf seiner Website My Bad Habits.
Dieser Artikel wurde erstmals auf der Website zenhabits.net unter dem Titel The Power of Gradual veröffentlicht. Übersetzung: Dirk Henn.

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: 52 Wege/Ian Newby-Clark

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