Nur weniger ist mehr

Kann die Entkonsumierung unserer Leben gelingen?

Warum Wale die Orientierung verlieren...

Warum Wale die Orientierung verlieren...     © beck

Dirk Henn

Seit einigen Monaten verfüge ich über weitaus weniger Geld als zuvor. Und ich hatte die Hoffnung, dass das meiner Umwelt gut tut.

Schließlich kann ich nur noch halb so viele elektronische Geräte und Einrichtungsgegenstände kaufen und nur noch einen Bruchteil der Unterhaltung konsumieren – Kino, CDs, Thermalbadbesuche und üppige Festmahle sind seltener geworden als zuvor.
Das heißt nicht, dass auch meine Lebensfreude darunter leidet. Nein, das nicht. Es ist sogar so, dass ich - von einigen meiner ehemaligen Besitztümer befreit - leichteren Herzens durch die Welt wandeln kann.

Doch um ehrlich zu sein: Einen Teil des eingesparten Geldes stecke ich nun in Zugfahrkarten - und schwupps - rase ich im ICE durch Deutschland, auf dem Weg zur nächsten Vergnügung oder Schulung. Das Ganze ist am Ende dann, trotz kleineren Budgets, doch wieder ein ökologisches Nullsummenspiel.
Erneut erfahre ich am eigenen Leib: Wenn wir nicht wirklich deutlich weniger haben, konsumieren wir auch nicht weniger. Geld, das da ist, geben wir aus. Konsumgüter, die verfügbar sind, benutzen wir.

Weniger zu haben und zu einem gesundem Mass unserer Begierden zu finden - das ist ein wichtiges, ein unvermeidliches Ziel. Doch es ist noch ein weiter Weg, bis dass sich mein Reichtum, statt in ständig anwachsenden Besitztümern und Eroberungen, in der Begrenztheit meiner Wünsche zeigt.

Meinen Laptop, für mich und meine Jungs ein Dach über dem Kopf und biologisch erzeugte Lebensmittel – darauf bestehe ich weiterhin. Und einen Platz an dem ich zur Stille finden kann. Der Rest steht zur Disposition. Mal schauen, wohin mich dieser Ansatz in den nächsten Jahren führt und ob ich diesem Ziel treu bleiben kann. Ich halte euch an dieser Stelle auf dem Laufenden.

Kann die Entkonsumierung unserer Leben gelingen? Welche Erfahrungen macht ihr?

Kommentare

Entkonsumierung ...

Seit zwanzig Jahren werde ich in der Bewertung "ARBEITSLOSE" abgelegt ...

Welche Geldberge mir da zur Verfügung gestellt werden, ist vielleicht bekannt?
Seit eine Mitarbeiterin des Sozialamtes wieder beschloss, dass sie auch behindert ist und arbeitet, werde ich wieder nach Hartz IV geregelt, also vom Fallmanager hin- und hergeschickt ...

Endlich wurde ich einem zugeordnet, der mir zugesteht, dass mein nicht finanziertes Tun mir wichtig ist, der mich nicht noch zusätzlich damit triezt, dass ich mich pro Woche etliche Male irgendwo sinnlos zu bewerben habe!!

Konsum - was ist das? Kaufen, kaufen, kaufen, Geld hergeben, Zettel mit Zahlen drauf tauschen gegen etwas anderes ...

Könnten wir auch ohne Zettel auf denen Zahlen stehen, einfach so, wie in der ressourcenbasierten Ökonomie erzählt wird (www.venusproject)

Reduzierung

Ich beobachte immer wieder ein paar Hartz IV Empfänger in meiner Nachbarschaft. Die zeigen mir wie man mit ein paar Groschen die Umwelt und unser Leben schützen kann. Die wenigsten haben einen Computer. Keiner hat ein Auto. In den "Urlaub" geht es zu Fuß auf die grüne Wiese. Im Winter wird die Heizung auf nahezu Null gedreht. Die meisten Fernseher werden spät eingeschaltet, früher ausgeschaltet oder schon gar nicht eingeschaltet. Ebenso andere Stromquellen. Ein spät abendlicher Schaufensterbummel ist wie der Gang auf einem roten Teppich. Höhepunkt der Woche: Einkauf von Lebensmitteln. Durch mehrmaliges Umdrehen des Euros ist gleichzeitig auch die notwendige Bewegung der Finger gewährleistet. In den fahrbaren Einkaufskörben liegen keine Bioprodukte, sondern nur das notwendige Allernotwendigste.
Wenn ich mir diese Szenerien vor Augen führe, dann denke ich mir diese Menschen sind die perfekten Vorbilder. Viele Supermärkte könnte man schließen. Die Straßen würden frei und gemütlicher. Auch Bahnhöfe und Flüghäfen könnten sich erholen. Kernkraftwerke kann man endlich abstellen. Banken reduzieren. Plus den Wirtschaftskrisen. Das Klima ansich würde sich verbessern. Die Gesellschaft würde eine Enteisung erfahren.
Ich denke wird sind alle auf einem guten Weg.

Ein wenig zu ideal

Liebe Gabriela,

für mich ist es ein großer Unterschied, ob ich mich aus freien Stücken entscheide, mit wenig zu leben, oder ob mir keine andere Wahl bleibt.
Ich habe einige Jahre von Sozialhilfe gelebt und auch als Stundent bin ich mit wenig Geld über die Runden gekommen. Doch als ich tatsächlich keine sinnvolle Tätigkeit fand, die mich ernährt, war es sehr belastend, sehr quälend, mit so wenig dazustehen- in jeder Hinsicht eben!

Von daher bin ich ein wenig vorsichtig, wenn ich dein Lob auf den Lebenswandel der Nachbarn lese, die von Hartz IV leben.

Ent-Konsumierung und Wertschätzung

Eine Leben mit Hartz IV-Budget ist eine Schande für unsere Kultur und ein Leben, in dem der Empfänger keinesfalls wertgeschätzt oder gewürdigt wird. Mann/Frau muss sich auf dem Amt quasi "bis zur Unterhose" ausziehen, damit jeder noch so verborgene Cent als Einnahme (oder Geschenk) nachgewiesen werden kann. Das hat doch nichts mit Entkonsumierung zu tun! Das ist ein sehr trauriges Kapitel unseres Landes, dass Banken mit Milliarden gestützt werden - jedoch Alleinerziehende (sie sind ein großer Teil der oben Genannten) ums Überleben kämpfen und dabei sich noch schämen müssen! Auch Bildung/Ausbildung/Qualifizierung schützt nicht mehr davor!

Die Frage ist doch: Wie können wir die Wirtschaft in Fluss halten und gleichzeitig allen Menschen ein "gutes" Leben ermöglichen? Was brauchen wir wirklich zum Leben? Wo fängt Konsum an, wo hört er auf?

Warum wird die Arbeit einer Krankenpflegerin, einer Erzieherin, einer Grundschullehrerin weniger wert geschätzt als diejenige eines Bankers oder Versicherungskaufmanns?
Nach welchen Kriterien erlauben wir uns da eine Beurteilung?

Solange unsere Wirtschaft auf Produktion und Wachstum ausgerichtet ist, gerät die Ausgewogenheit und die Gerechtigkeit ins Wanken. Heute ist die Schere "arm-reich" extrem auseinandergegangen!

Was ich meine:

Jeder hat das Recht, in Würde zu leben und seinen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten!
Arbeit und Leistung muss anders bewertet werden!
Ein Grundeinkommen zum Beispiel würde dazu beitragen (Götz Werner).
Regionale Währungen würden helfen und auch Tauschringe!

Es gibt Dinge (=WERTE!), die für unsere Kultur durchaus wesentlich sind und nicht unbedingt als Konsum einzuordnen sind: Ein Beispiel sind BÜCHER!
Ich meine damit nicht die Krimi-Roamne, die wie Pilze aus dem Verlagsboden schießen und nicht zur Weltverbesserung beitragen. Aber die vielen anderen guten Sachbücher, die uns ein friedvolleres und sinnerfüllteres, gesünderes Leben ermöglichen.
Macht es da Sinn, sich Bücher nur noch gebraucht bei ebay zu erwerben?
Wie soll da der Buchhändler und der Verlag überleben? Folge: Menschen werden arbeitslos! ;)

Ich denke, wichtig ist, welchen WERT wir den Dingen, den Konsumgütern beimessen.
Und dazu gehört a u c h die Dienstleistung am Menschen.
Dazu gehört die Kindererziehung.
Dazu gehört die Pflege der kranken Eltern. Und so weiter!

Sozialhilfeempfänger sollten nicht als Vorbild dienen!

Aber eine Werte- und Würdediskussion ist angebracht und höchste Zeit!

Das Bewusstsein für einen sorgsamen Umgang mit Konsum sollte von innen heraus entwickelt werden und nicht, weil uns das Aussen (z.B. in Form von Arbeitslosigkeit) dazu zwingt.

Ich finde es auch wichtig, wie wir mit den Dingen umgehen: Stichwort Nachhaltigkeit!
Und BIO und ÖKO ist teurer - aber genau das sollte doch bald für alle Menschen zugänglich sein, oder nicht?

Das wünsche ich mir!

Birgit

Entkonsumierung

Hallo Dirk,

Deine 52Wege sind für mich immer wieder ein Impuls und Anregung. Besonders heute hast Du mich zum Nachdenken über meinen Konsumzustand und das Verhalten dazu inspiriert.
Für mich ist der Konsum eines der großen Punkte zu einem veränderten, nachhaltigen und ökologischen Leben - ohne an Freude und Lebensqualität zu verlieren, im Gegenteil.
Vielleicht kennst Du den kleinen Film einer ehemaligen Greenpeace-Mitarbeiterin: http://www.storyofstuff.com/
Das hat mir unsere Konsumgütergesellschaft nochmals sehr deutlich gemacht.

Der Gedanke einer "Entkonsumierung" klingt für mich wie ein sehr absolutes Ziel. Und so ein Prozeß, wo sich Fragen und Antworten auf dem Weg neu bilden. Welche Erfindungen sehe ich als wertvoll an (z.B. Waschmaschine? Laptop? Handy? Auto?...), was empfinde ich als Überfluß?

Ich verfüge auch seit einiger Zeit über weitaus weniger Geld als zuvor.Und bemerke zum einen, dass das nicht einer öko-biologischen Ernährung widerspricht. (Was ich eine Zeit glaubte).
Ich kaufe gerne gebrauchte Güter, wie z.B. Bücher. Oder finde notwendiges für Wohnung und Haushalt auf dem Sperrmüll und Flohmarkt. Wobei sich mir gerade beim Schreiben die Frage stellt: Was ist notwendig.
Wir in unseren westlichen Länder werfen soviel weg, was woanders fehlt, und noch gut eingesetzt werden könnte.
Ein anderer Aspekt ist das Teilen: wer braucht schon ständig eine Bohrmaschine? Das ist für mich eine Entwicklung hin zu mehr Gemeinschaftsdenken. Dieses Denken und Verhalten wird in der wirtschaftlich-profitableren Individualisierung nicht unbedingt gefördert. Und ich gestehe, da mit in einer Art Komfortzone zu sitzen: Habe ich etwas zur Verfügung, brauche ich nicht anzufragen, Kontakt aufzunehmen, eventuell zu diskutieren. Mir fällt die Geschichte von Watzlawick ein: Da wollte einer einen Hammer vom Nachbarn borgen, und macht sich über dessen eventuelle Ablehnung soviel Gedankenkreisel, dass er am Ende zum Nachbarn geht und ihm gleich an der Tür entgegenwirft: Behalten Sie doch ihren Scheiß-Hammer. (Etwas frei nacherzählt).

Was ich bei mir bemerke ist, dass es mir einerseits Spaß macht, Dinge zu reduzieren. Schon mehrmals mit relativer Radikalität - alles Auflösen, verschenken, wegziehen.
Und nachher beginnt doch wieder ein Sammeln. Da ist bei mir eine Lücke im bewußten Handeln.
Es gibt noch Vieles, was ich abgeben könnte, möchte....und tun werde. Wann? Es hat noch nicht die Priorität in mir, die ich mir dafür wünsche. Im Handeln, in dem was ich tue, bin ich noch nicht auf das Wesentliche eingestellt.

Konsumieren ist in unserer Gesellschaft so selbstverständlich, und eine Art von Kultur geworden. Das wird sich sicher nicht so schnell ändern, gucken können wir da - wie Du so prägnant schreibst und machst - bei uns selber.
Manchmal erscheint es mir so langsam, wie sich notwendige Veränderungen ausbreiten. Es gibt einerseits viele Menschen, die daran arbeiten. Und wenn ich um mich herum blicke, oder im Supermarkt bin, mit meinen kleinen Einkäufen zwischen den vollbepackten Wagen vor und hinter mir - spüre ich eine Resignation. Das ist nicht der Zweifel an meinem Verhalten. Es ist eine Angst, dass Alles zu langsam geht, und ein Kollaps nicht mehr abzuwenden ist. Doch das liegt auch wieder nicht nur in meiner Hand, es ist der Prozess des Lebens und seiner Teilnehmer, wie es sich entwickeln wird.

Die Null-Lösung des Konsumierens habe ich mit 20 Jahren begonnen, und für 15 Jahre in einem Kommuneumfeld gelebt. Danach, zurück in der Stadt und Alleinerziehend, stapfte ich in die alten Schuhe. Für mich war die Verbindung, die Gemeinschaft, das Mit-Teilen des Lebens mit anderen ein Grundbedürfnis, dass ansonsten durch Konsum ersetzt wird.
Ich brauchte eine Zeit, meine Eigenverantwortung zu erkennen und schrittweise danach zu handeln, zu sein. Nun - viele Jahre später - sehe ich mich verbunden in Netzwerken, die sich austauschen, und in gewisser Weise nahe sind. Mit Menschen wie Dich.

Danke für deine Mitteilungen in den 52Wege. Es ist ein Anstoß, eine Erinnerung, einen mir tief-wichtigen Weg weiterzugehen

Lieben und herzlichen Gruß aus dem Westerwald

Illona

Unser Konsumzustand

Liebe Illona,

Ich danke dir für deinen sehr dichten und anregenden Beitrag!
Das wäre doch ein prima Newsletter für den kommenden Donnerstag gewesen ;-)

Das gefällt mir, dass du von deinem "Konsumzustand" schreibst. Das ist ein wunderbares Wort. Je nachdem, welche materiellen Möglichkeiten sich uns bieten und wie wir uns dazu verhalten, befinden wir uns im Leben in immer neuen "Konsumzuständen". Unseren Geist darauf zu fokussieren, um ihrer bewusst gewahr zu werden, das ist eine spannende Aufgabe. Erst im Spiegel des eigenen Gewahrseins wird mir klar, dass meine Art zu leben, zu verbrauchen und zu beanspruchen ja keineswegs "normal" ist, sondern dass sie meinen derzeit aktuellen "Konsumzustand" darstellt. Besonders wenn ich Berichte aus den 60er und 70er Jahren sehe oder höre, dann verblüfft mich oft der, im Vergleich zu heute, "einfache" Lebensstandard. Die Welt meiner Kindheit war bereits sehr wohlständig und materiell weich ausgepolstert. Und heute befinden wir uns noch ein Lichtjahr weiter: Vor allem jedoch in unseren Ansprüchen an Gewohnheiten – unser "Kosumzustand" ist ein ganz anderer, als jener vor drei bis vier Jahrzehnten.

Ich glaube, dass wir an einem sehr absoluten Ziel wie der "Entkonsumierung" nicht vorbeikommen. Wie du selbst beschreibst: Wenn wir einmal beginnen, hinter die Fassade unserer Konsumgewohnheiten schauen, beginnen wir zu erkennen, wie leidvoll die Auswirkungen unserer Maßlosigkeit sind. Von hier aus kann es dann nur noch um ganz neue Wege gehen...

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: 52 Wege / Dirk Henn

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