Mehr!

Mehrbeere

Mehrbeere       Foto © aussi97/photocase

Phillip Moffitt

Immer mehr zu wollen, ist ein Phänomen unserer Zeit, ein Spiegelbild unserer Lebensweise, und doch ist es etwas, das selten als Phänomen erkannt wird. Es prägt unser Verhalten, ohne, dass wir es begreifen. Wir nehmen gar nicht wahr, dass dies oft unseren Emotionen und Handlungen vorausgeht.
In unseren Gefühlen und Erfahrungen nimmt das Verlangen nach Mehr überhand. Vielleicht gehört dieses Phänomen von Natur aus zum Menschsein. Oft organisieren wir unser Leben rund um dieses Verlangen und messen den Erfolg unseres Lebens daran, wie erfolgreich wir darin sind, uns immer mehr zu verschaffen, von was auch immer wir in einem bestimmten Moment wollen.

Zudem leben wir in der Angst nicht noch mehr zu erreichen. Wenn wir mit der Familie oder mit Freunden sprechen, dreht sich vieles darum, mehr zu bekommen: Wer hat mehr hiervon, wer mehr davon? In den USA wird Mehr als kultureller Wert gefeiert. Man will mehr Zimmer in seinem Haus oder einen besser durchtrainierten Körper oder Autos mit mehr PS oder mehr Status, mehr Geld, mehr Kleidung, mehr Bildung – die Liste ist endlos.

Selbst Menschen, die meditieren, möchten möglicherweise mehr: veränderte Bewusstseinszustände oder mehr Einsicht oder mehr Retreats. Mehr ist wie der Staub in der Luft, den man nie wahrnimmt, aber doch dauernd einatmet.

Lässt du in gewisser Weise zu, dass Mehr zu einem inneren Maß wird, an dem du deinen Wert misst – ohne dich jemals bewusst dafür entschieden zu haben? Wenn und falls das passiert, bestimmt es diese Momente deines Lebens derart, dass du neue Verhaltensmuster entwickelst. Es wirkt sich buchstäblich darauf aus, was du in jedem beliebigen Moment deines Lebens wahrnimmst.

Wenn wir anfangen, Mehr als eine Möglichkeit zu benutzen, den eigenen Wert zu messen und unsere Werte zu bestimmen, verfallen wir dem, was man im Buddhismus als „wollenden Geist“ kennt. Dieser wollende Geiste ist angetrieben von Begierde, Widerwillen und Angst. Er erzeugt eine falsche Vorstellung von Kontrolle, in einer Welt, die sich ständig verändert. Wer nicht dauernd Mehr oder Weniger im Blick hat, wer nicht danach strebt, immer mehr zu haben, und keine Angst davor hat "zu verlieren"– wer nicht zulässt, dass Mehr einen unangemessenen Einfluss auf sein Leben hat – ist frei.

Mehr kann ein großer Antrieb sein. Daher kann es nicht darum gehen, es in Bausch und Bogen zu verwerfen. Doch es sollte nicht dein Leben lenken. Verlangen und der Wunsch nach „mehr“ kann Kraftstoff auf deinem Weg sein. Doch es sind allein deine Achtsamkeit und deine Werte, die dir allzeit verlässlich zeigen können, wohin der Weg geht.

Dieser Artikel stammt von Phillipp Moffitt, er wurde erstmals in seinem Dharma Wisdom-Newsletter veröffentlicht.
Phillipps Website lifebalanceinstitute.com bietet eine Vielzahl von wertvollen Anregungen.
Die deutsche Ausgabe seines Buches "Dancing With Life" wird in drei Monaten im Arbor Verlag erscheinen.
Übersetzung: Peter Brandenburg, Lektorat Annemarie Amann.

Kommentare

Habe weniger – Sei mehr!

Menschen mit einem unstillbaren Verlangen nach immer mehr Konsum haben offenbar das Bedürfnis zu repräsentieren - die einen mehr, die anderen weniger.

Was wollen wir damit ausdrücken, was haben wir der Welt mitzuteilen ?
Spiegelt das durch Konsumgüter angereicherte Äußere ein facettenreiches Inneres ?
Ist es nicht vielmehr eine durch Konsum verbarrikadierte Leere und Phantasielosigkeit ?
Ein verzweifelter Versuch, etwas darzustellen, was wir nicht sind ?

Nicht Sein wird kompensiert durch Haben.

Was ist die Summe des Habens ?
Vergänglichkeit.

Was könnte die Summe des Seins ausmachen ?

Das Alphabet des Seins:

Sei einfach ...

Achtsam, albern, aktiv, attraktiv, aufmerksam, aufrichtig
Begabt, beflügelt, begeistert, bescheiden
Charismatisch, charmant, couragiert
Dankbar, demütig, diskret
Einfühlsam, ehrlich, engagiert, entspannt, erfinderisch, erfüllt
Fleißig, flexibel, friedlich, freundlich, fröhlich
Geduldig, genial, glücklich, großzügig
Heiter, herzlich, hilfsbereit, höflich, humorvoll
Ideenreich, inspirierend, intelligent, interessiert
Jeck, jung
Kinderlieb, kollegial, kommunikativ, konsequent, kreativ
Leidenschaftlich, liebevoll, lustig
Maßvoll, menschlich, mitfühlend, musikalisch, mutig
Nachhaltig, nachsichtig, naturverbunden, neugierig, nett
Offen, ordentlich, organisiert, originell
Passioniert, phantasievoll, poetisch, positiv, präsent
Realistisch, respektvoll, romantisch, ruhig
Sinnlich, schön, sozial, strukturiert
Tatkräftig, tierlieb, tolerant, treu
Umwerfend, umweltbewusst, unbeirrbar, unverwechselbar
Verantwortungsbewusst, vergnügt, verlässlich, verliebt, vielseitig, vorausschauend
Warmherzig, weise, weltoffen, wertschöpferisch, witzig
Zärtlich, zauberhaft, zufrieden, zuversichtlich

Die Summe des positiven Seins bildet das Kapital der Unvergänglichkeit.
100 schöne Eigenschaften, die nichts kosten und helfen, sein eigenes DaSEIN zu gestalten und das seiner Mitmenschen zu bereichern !

Ein Meer von MEHR

Meiner Meinung nach ist "mehr wollen" - und zwar über die gesamte Bevölkerungsschicht verteilt - ein relativ neuartiges (und westliches!) Phänomen, zumindest in dem Ausmaß, wie wir es derzeit erfahren. Man glaubt, sich durch mehr Besitz freier zu machen und, vor allem, besser zu machen als der Rest. "Mehr zu haben als der andere" definiert uns - und bereits kleine Kinder wachsen in unserer Kultur damit auf: "Was möchtest du mal werden, wenn du groß bist? Studium und dann Arzt?" "Wenn du mal groß bist, werde ich dir meinen ganzen Schmuck vererben. Der ist sehr viel wert" und "Du musst deinen Teller leer essen, damit morgen die Sonne wieder scheint." Die meisten scheinen vergessen zu haben, dass nicht wir "mehr" besitzen, sondern - ab einem gewissen Zeitpunkt - das "MEHR" uns besitzt. Damit will ich sagen, dass wir nicht so frei sind wie wir glauben, zu sein. Wenn mich nachts um halb 3 jemand weckt und mich nach einer Kosmetikmarke fragt, sage ich Nivea. Nichts gegen Nivea, doch nicht wir besitzen die Produkte, sondern die Produkte besitzen uns. Ich fürchte, es wird Zeit für einen neuen Matrix-Film.

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: 52wege.de/Phillip Moffitt

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