Du hast nicht das Recht, dich um nichts zu kümmern

einschneidende Veränderung

Einschneidende Veränderung       Foto © view7/photocase

Jonathan Mead

Mehr oder minder denken wir, dass wir nichts ändern können. Und das ist genau der Grund, warum die meisten Menschen es auch niemals versuchen.

Die Annahme, dass du zu klein oder zu schwach bist, um eine Veränderung zu bewirken, ist der wichtigste Grund für Tatenlosigkeit. Und es ist womöglich die schwächste Ausrede aller Zeiten.

Aber ich will hier nicht davon sprechen wie es ist zu klein zu sein. Weil ich nicht denke, dass es tatsächlich darum geht. Es geht nicht darum, dass sich Menschen zu klein und nichtig fühlen, es geht darum, dass sich Menschen als zu wichtig erleben.

Die meiste Zeit vergessen wir, dass es in der Welt auch andere Menschen gibt. Klar, auf einer intellektuellen Ebene wissen wir das. Wir lassen uns jeden Tag mit anderen Menschen ein und kommunizieren mit ihnen. Wir können sie sehen, hören und fühlen. Aber auf eine gewisse Art existieren sie „da draußen“ als „Andere“.
Und auf eine sehr wirkliche Weise fühlen wir, dass wir das Zentrum des Universums sind. Es ist schwer, aus uns herauszutreten und wahrzunehmen, dass andere von unseren Entscheidungen und Handlungen betroffen sind.

Es ist viel einfacher in der Illusion zu verharren, dass wir die einzige Person sind, die existiert, und dass unsere Handlungen und Unterlassungen sich auf andere nicht konkret auswirken. Und genau auf diese Art und Weise, als das Zentrum des Universums, ziehen wir uns erneut zurück in dieses sonderbare Rollenspiel, dass wir zu klein seien. Zu klein und zu groß, zur gleichen Zeit. Das Seltsame daran ist, dass es uns aus irgendeinem Grund nicht im Geringsten sonderbar vorkommt, dass wir in unserem Geist an diesem Paradox festhalten.

Doch wenn wir wirklich aufrecht leben wollen – der essentiellen Wirklichkeit des Lebens von Angesicht zu Angesicht begegnend – müssen wir mit der Illusion der Klein-Grossheit brechen.

Wir müssen die Dinge so sehen, wie sie sind.

Wir sind zutiefst und unhintergehbar miteinander verbunden. Ich kann keine Wahl treffen, ohne dass es die gesamte Welt beträfe. Ich denke, dass es an der Zeit ist anzuerkennen:

Alle unsere Handlungen sind Welt-verändernd.

Jedes Nichtakzeptieren dieser einfachen, grundlegenden Wahrheit führt uns auf den falschen Weg. Es ist eine unglaublich große Verantwortung, und es ist ein wenig Furchteinflössend. Aber es ist auch sehr ermächtigend.
Wenn du das erkennst, denke ich, ist es unmöglich etwas anderes nicht anzuerkennen:

Du hast nicht das Recht, dich um nichts zu kümmern.

Alle unsere Handlungen, klein und gross, beeinflussen unsere Welt. All unsere Handlungen sind politisch, ganz gleich wie persönlich sie auch sein mögen. Von der Kleidung, die wir tragen, über die Nahrungsmittel und die Produkte die wir kaufen, bis hin zu der Tonlage, in der wir unsere Meinung sagen. Sie alle sind politische Entscheidungen und sie beeinflussen alle.
Auch wählen wir eine Art und Weise, uns mit anderen einzulassen – und diese ist ebenfalls zutiefst wirkmächtig. Wir haben eine soziale Verantwortung, mit anderen mitfühlend, freundlich und liebevoll zu sein. Weil alle unsere Handlungen die Welt beeinflussen. Und die der Anderen beeinflussen dich gleichermaßen.

Wir alle sind in wechselseitiger Abhängigkeit miteinander vernetzt. Es ist an der Zeit, für diese Wirklichkeit wach zu werden, nicht auf eine intellektuelle Art und Weise, sondern als zutiefst physische und emotionale Erfahrung.

Anderenfalls nähren wir immerfort die Idee, dass eine Person nicht ausreicht, um eine Veränderung zu bewirken, und am Ende sind da 6 Milliarden Menschen – „nicht ausreichend“ um eine Veränderung zu bewirken.

Verantwortlich zu sein für den Wandel ist keine Bürde. Es bedeutet, für die Wirklichkeit von Gemeinschaft und Verbundenheit wach zu werden, die wir verloren haben. Um so mehr wir in dieser Wahrheit leben, desto mehr erlangen wir unsere Seelenverwandschaft mit anderen zurück und desto mehr finden wir uns selbst.

Dieser gekürzt wiedergegebene Beitrag stammt von Jonathan Mead. Er wurde von ihm erstmals unter dem Titel „You Don’t Have the Right to Not Care“ in seinem Blog "Illuminated Mind and Body" veröffentlicht. Der Artikel ist stark beeinflusst von Ethan Nichterns Buch "Buddhismus 3.0, Spirituelle Vernetzung und globales Bewusstsein – Das Interdependence-Project". Übersetzung: Dirk Henn.

Kommentare

Warum kostet dies so viel Kraft?

Da kann ich jedes Wort, jede Silbe nur bejahend unterstützen! Zum einen die Auswirkungen unserer Entscheidungen als auch die Verantwortung, die wir für die Welt tragen.
Am ehesten sieht man dies bei der Erziehung. Dieser "Job" wird immer noch unterschätzt und die Folgen und Konsequenzen für unsere Welt gar nicht oder noch immer nicht gesehen - sonst würde jede Mutter eine gute "Be-LOHN-ung" dafür bekommen. Nun, ich schaue momentan kopfschüttelnd meine ältere, knapp 16-jährige Tocher an und begreife einfach viele Dinge nicht mehr. Nun bin ich nicht zu alt oder zu verklemmt oder hinterm Mond.
Aber diese Welt, in der diese Generation gerade er-lebt, wird mir immer unbegreiflicher. Noch unfassbarer ist für mich, dass Eltern fast alles mitmachen und unterstützen. Rauchen, Trinken, in Nachtbars gehen, extremes Schminken - alles ganz normal!?! Ja! Alles ganz normal, man muss nur in der Innenstadt unterwegs sein. Oder einen Elternabend auf dem Gymnasium besuchen (Der erste G8-Versuchskaninchenjahrgang)...

Welche Auswirkungen hat das, wenn die Eltern dies im Grunde unterstützen (indem sie NICHT handeln, NICHTS sagen, ALLES erlauben)? Wenn Geld keine Rolle spielt? Wo führt das hin?
Welche Entscheidungen werden da permanent NICHT getroffen?

Es kostet mich unendlich viel Kraft, weil der Gegenwind (noch?) so stark ist.

VorBILD zu sein und authentisch zu leben, kann nur zu einem kleinen Teil dazu beitragen.

Ich will verantwortlich und wahrhaftig sein!
Nur wie schaffe ich es ohne diesen enormen Kraftaufwand?

Vom "Falschsein" und Gutsein

Uups, du sprichst aus meiner Sicht von zwei Dingen:
Davon, was dich am Auftreten junger Menschen abstößt oder ärgert und davon, wie du gerne sein magst.

Lebendig und wahrhaftig im Moment zu sein – so zu sein, wie ich gerne mag – kostet mich meist nicht viel Kraft.
Was mich indes sehr anstrengt ist, wenn ich mich über andere ärgere und mir (zumindest insgeheim) wünsche, dass sie doch bitteschön anders wären oder Anderes täten.
Es ist schwer, dieses "Falschsein" der Anderen auszuhalten.

Doch wenn es mir gelingt, das Gutsein zu erkennen das auch im Leben dieser Menschen liegt, dann wird es leicht und liebevoll und freundlich. Und es wird möglich, dass etwas von meinem Sein auch beim Anderen ankommt.
Veränderung kann - das glaube ich immer mehr - nur Raum greifen, wenn wir zunächst den Anderen ganz und gar annehmen, in unser Herz schließen, sein grundlegendes Gutsein anerkennen.

Gutsein

Danke... ja, es stimmt, wahrhaftig und authentisch zu sein, zu leben, dies vor-zuleben ist leicht.

Dinge zu verändern, Veränderung anzustoßen, Meinung zu vertreten usw. ist im Grunde auch "einfach", denn es ist ja für mich selbst auch wahrhaftig und echt.

Ich erlebe es dennoch für mich anstrengend (im Sinne von unermüdlichem Bestreben und konsequentem Bemühen) "gegen den Strom" zu schwimmen. Es ist ein wenig wie "alleine da stehen".

Ganz banal und alltäglich: Mein Budget ist sehr schmal und meine Möglichkeiten entsprechen dem vergangenem Beitrag zur nachhaltigen Lebensweise. Ich kann trotzdem oder erst recht gut leben, habe die Natur vor meiner Haustüre, die Sterne über meinem Bett, den Wald, Bio zu essen, bin gesund und habe liebevolle Beziehungen. Dieser Lebensstil ist aber eine Ausnahme. Natürlich spüren die Kinder meine Liebe und Fürsorge, aber sie spüren auch die gegensätzlichen Lebensentwürfe.

Oder während einer langen Klinikzeit mit meiner jüngeren Tochter: Ich habe andere Mütter versucht zu motivieren, noch dies oder jenes auszuprobieren... aber die Angst war so groß und der Mut fehlte, sich der gängigen Meinung der Schulmediziner zu stellen...

Ich bin sehr dankbar für deinen Hinweis.

Manchmal denke ich, dass es nur notwendig ist, die Dinge ehrlich auszusprechen - quasi öffentlich zu machen. Siehe da - mit dieser Offenheit kommen plötzlich andere Menschen und vertreten auch diese Meinung. Es fehlt letztlich nur dieser erste Schritt!

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: 52wege.de/Jonathan Mead

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