In diesem Moment

Lass dich inspirieren, im Moment zu leben

Katzenmoment

Katzenmoment       Foto © Kammikatze/photocase

Leo Babauta

Wie oft schon hast du etwas gegessen und den Geschmack des Gerichts nicht wirklich wahrgenommen? Oder du hast Besorgungen gemacht oder bist mit dem Auto gefahren – ohne es überhaupt richtig wahrzunehmen. Unsere Tage ziehen oft an uns vorbei, während wir im Geist woanders sind.

Eine meiner Lieblingsmethoden, Glück zu finden und Stress zu vermeiden ist es, im Moment zu leben - auch als Achtsamkeit bekannt. Es ist eine der Grundlagen buddhistischer Praxis, aber es geht hierbei nicht notwendigerweise um Meditation an sich – es geht eher darum, der eigenen Handlungen, Gedanken und Wahrnehmungen gewahr zu sein, inmitten unserer täglichen Verrichtungen.
Tatsächlich lebt niemand immerzu im Moment – ich denke nicht, dass das möglich ist. Einige Menschen haben durch Übung gelernt, häufiger und länger im Moment zu sein als die meisten von uns, aber es wird immer Zeiten geben, in denen du dir Sorgen um die Zukunft machst oder in denen du über die Vergangenheit nachdenkst und vergisst, im Moment zu sein.

Es ist tatsächlich recht herausfordernd, wenn du es mal ausprobierst. Probier es doch gerade jetzt einmal: Schließe deine Augen (nachdem du diese Anleitung zu Ende gelesen hast) und konzentriere dich auf deinen Atem – die Wahrnehmung der Luft, wie sie in deine Nase oder deinen Mund hineinströmt und deine Lungen füllt, und wie sie wieder herausströmt. Wenn andere Gedanken auftauchen, sei ihrer gewahr, erkenne an, dass sie da sind, und lass sie gehen (aber versuche nicht, sie zu verdrängen) und dann richte deine Aufmerksamkeit wieder auf den Atem.

Schwer, nicht wahr? Im Moment zu sein ist nicht so einfach, wie es auf Anhieb scheinen mag.

Es braucht Übung. Aber gelegentlich ist es machbar. Um dich zu inspirieren im Moment zu leben, sind hier fünf grossartige Beispiele:

1. Kinder. Niemandem gelingt es besser, im Moment zu sein, als Kindern. Ich liebe es, meinem dreijährigen Sohn Seth zuzuschauen, wenn er spielt. Er denkt nicht darüber nach, was ihm gestern passiert ist oder was er später noch tun wird. Er ist Spiderman und er bekämpft die Bösen, nichts sonst in dieser Welt existiert. Wenn ihn etwas verrückt macht, flippt er völlig aus - und nichts ausser dem, was ihn gerade verrückt macht, ist von Bedeutung in dieser Welt. Doch dann weint er und schon bald kehrt er vergnügt zu dem zurück, was er zuvor getan hat, ohne Groll oder Zorn. Er sorgt sich nicht um Morgen und allein schon deshalb liebe ich es, ihm zuzuschauen.
Wir sollten uns viel öfter von Kindern inspirieren lassen und manches mal ausprobieren, wie sie zu sein. Jesus lehrte uns „Seid wie die Kinder“, und das waren kluge Worte.

2. Katzen. Ich liebe es auch, meinem Kater Riddle zuzuschauen. Er denkt, er wäre ein Löwe. Er schleicht sich heimlich an ein Insekt oder eine Eidechse an – ganz so, als ob er im dürren Gras der Savanne verborgen wäre, und dann schlägt er zu und greift an. Weisst du, er denkt nicht darüber nach, was es zum Frühstück gab oder welche Möbel er am Nachmittag mit seinen Pfoten zerkratzen wird. Katzen (und andere Tiere) sind ganz hier. Sei wie eine Katze.

3. Meine Ehefrau und Nachspeisen. Meine Frau Eva weiß wirklich, wie man Nachspeisen isst. Von all den Menschen die ich kenne versteht sie es wohl am besten, im Moment zu sein, voll und ganz. Sie kann etwas wirklich genießen, mit ihrem ganzen Sein.
Ich habe gelernt, wie man ein Dessert isst, indem ich ihr zugeschaut habe. Während ich dazu neige, etwas schnell herunterzuschlingen, schließt Eva ihre Augen und schiebt langsam einen Löffel voll Eiscreme in ihren Mund. Sie würdigt den Geschmack, die Oberflächenbeschaffenheit, die Kühlheit, die Süße, die Schokoladigkeit dessen. Eva genießt Dinge mehr als die meisten Menschen und sie inspiriert mich. Versuche, wenn du das nächste Mal etwas isst, nicht an etwas anderes zu denken, nichts zu lesen, nicht mit jemandem zu reden – erfahre einfach die Nahrung.

4. Fegen im Zen-Stil. Man sagt, die beiden einzigen Aufgaben eines Zen-Mönchs bestehen darin, im Zazen-Stil zu sitzen und zu fegen. Das Fegen ist eines der täglichen Rituale eines Zen-Mönchs, eine der wichtigsten täglichen Praktiken. Sie fegen oder harken und sie versuchen, nichts sonst zu tun. Sie denken nicht darüber nach, in einem Zen-Geisteszustand zu sein. Der Zen-Zustand ist das Fegen. Wenn du das nächste Mal deine Haushaltspflichten erledigst, versuche dich auf die Hausarbeit zu konzentrieren – auf den Staub, auf die Bewegung, auf die Sinneseindrücke.

5. Du selbst, in etwas versunken. Du bist bereits unzählige Male im Moment gewesen. Kannst du dich an einen Zeitpunkt erinnern, zu dem du dich in einer Tätigkeit verloren hast? Nicht verloren in Gedanken, sondern verloren in der Ausführung dieser Tätigkeit selbst. Du warst voll und ganz konzentriert, du hast an nichts sonst gedacht. Die Welt verschwand. Es mag bei der Arbeit gewesen sein — vielleicht hast du diesen Geisteszustand erlebt, den man als „Flow“ bezeichnet – oder es mag bei einer Freizeitbeschäftigung gewesen sein, beim Sport, bei der Gartenarbeit, bei der Reparatur von Dingen, wo auch immer… Versuch dich an eine Zeit wie diese zu erinnern und halte danach Ausschau, ob sich diese Erfahrung wiederholen lässt.

Dieser Artikel stammt von Leo Babauta, er wurde erstmals auf seiner Website zenhabits.net unter dem Titel 5 Inspirations for Being in the Moment veröffentlicht. Sein täglicher (englischsprachiger) Newsletter bietet eine Vielzahl von wertvollen Anregungen. Übersetzung: Dirk Henn.

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: 52 Wege / Leo Babauta

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