Den Heizölverbrauch senken – auf die japanische Art

Am Kotatsu

Am Kotatsu       Foto © Sean Sakamoto

Sean Sakamoto

"Es ist so verrückt, dass du dein ganzes Haus heizt" sagte meine Frau eines Winters. Sie ist Japanerin und als wir noch frisch verheiratet waren, hier in den USA, gab es eine Menge dieser "es kann nicht wahr sein, dass ihr hier so was tatsächlich macht"-Wortwechsel.

Vor kurzem sind wir nach Japan umgezogen und jetzt hat sich das Blatt gewendet. Jetzt stehe ich vor neuen Herausforderungen und der wahrscheinlich größte Kulturschock bei der Ankunft war: "Es kann nicht wahr sein, dass ihr eure Häuser hier nicht heizt."
Es stimmt: Es gibt keine Heizungen in unserer neuen japanischen Wohnung und in diesem Kulturkreis ist das keineswegs ungewöhnlich.

Obwohl ich in Michigan aufgewachsen bin war ich immer ein Weichei, wenn es um Kälte ging. Daher machte ich mir, als wir beschlossen umzuziehen, die meisten Sorgen darüber, wie ich im Winter überleben könne. Die Sprachbarriere, die Nahrungsmittel, der Kulturschock – alles schien handhabbar zu sein, aber nicht die Kälte. Ich habe es immer gehasst zu frieren, besonders draussen. 



Das liegt nun vier Monate zurück, und wir sind im tiefsten Winter. Wir leben in einem abgelegenen Städchen. Unser Appartement ist aus Beton gebaut, ohne jede Isolierung. Mein Atem steigt in Wolken in die Luft; er kondensiert an den Fenstern und verwandelt sich in eine dünne Eisschicht. Ich trage eine Wollmütze – im Bett, zum Frühstück und überall sonst.
Ich habe immer gedacht, drinnen sollte es einfach nicht kalt sein. Aber wenn es um Japaner geht, habe ich da wohl falsch gedacht.

Wie an den Fisch zum Frühstück habe ich mich auch an diese Situation weitaus schneller angepasst als erwartet. So wie es mir oft mit Dingen geht, die ich einst fürchtete, gelingt es mir nun, sogar einige bedeutende Vorteile meiner neuen Situation zu erkennen. Es liegen auch neue Möglichkeiten darin, eine bitter kalte Wohnung zu haben. Das beste daran ist etwas, das sich ein "Kotatsu" nennt.


Der Kotatsu ist ein niedriger Tisch mit einer darunter befestigten Elektroheizung. Es gibt zumindest einen in jeder Wohnung. (Das sind meine Frau und mein kleiner Sohn, die auf dem Foto an einem sitzen.) Man kann die Tischplatte abnehmen und eine Steppdecke darunter befestigen, die man sich über die Beine legt. Dann befestigt man die Tischplatte wieder. Ein jeder sitzt um den Tisch, mit der Steppdecke auf dem Schoß, und die Hitze hält die Unterkörper warm. Es ist gemütlich, so als säße man an einem Feuer. 


Weil der Rest der Wohnung eiskalt ist, ist am Kotatsu eine Menge los. Er ist der erste Ort, an den ich mich am Morgen begebe und der letzte Ort, den ich am Abend verlasse. Wir essen am Kotatsu.

Wir geniessen Nabe – ausgiebige Familienmahlzeiten um einen Topf mit kochendem Wasser der auf einem tragbaren Brenner steht. Wir tunken Fleischstücke, Gemüsestücke und Nudeln in den Topf und schöpfen sie dann in mit Reis gefüllte Schalen. Das kochende Wasser heizt den Raum und das heiße Fleisch und das heiße Gemüse schmecken großartig.


Wenn wir nicht essen, spielen wir Brettspiele am Kotatsu oder sitzen einfach still beieinander und hören Musik.



Eine weitere Strategie, die Kälte zu durchstehen, ist das heiße Bad, das wir am Ende des Tages nehmen. Wir haben eine kleine aber tiefe Badewanne. Wir füllen sie mit bitterkaltem Wasser und befeuern sie dann mit einem speziellen Propanheizer, um das Badewasser zu erwärmen.


Wir alle nutzen dasselbe Badewasser, das ist eine gute Sache. Bevor wir in die Badewanne gehen nehmen wir etwas von dem Wasser, gießen es uns über Kopf und Körper, seifen uns ein und spülen die Seifenreste ab. Erst dann sind wir an der Reihe, uns in die Badewanne zu quetschen. Das heizt uns genug auf um ins Bett zu gehen, immer eine heiße Wärmflasche dabei, die unsere Füsse die ganze Nacht lang warm hält.
Wir lassen das Wasser aus der Badewanne nicht einfach ablaufen. Wir pumpen es am nächsten Morgen in die Waschmaschine und waschen unsere Wäsche damit, die wir dann im Flur aufhängen. Selbst im Winter trocknet unsere Kleidung in wenigen Tagen. 



Wir sind nicht allein. Es ist auszuhalten, weil alle es tun. Wir unterziehen uns keinen Entbehrungen, um die jeder sonst einen Bogen macht. Es gibt niemanden in der Nähe, auf den ich neidisch sein könnte. An der Oberschule, an der ich Englisch unterrichte, haben alle Schüler und Lehrer einen Kotatsu zuhause, sie alle nehmen eine Wärmflasche mit ins Bett und sie alle erwachen am Morgen in der selben eiskalten Luft. Wir alle sind dabei, und ich bin die einzige Person, die es anders kennengelernt hat.


Es gibt einen weiteren Grund, warum ich diese neue Erfahrung sehr schätze. Es ist das, was die Japaner "Gaman" nennen. Es bedeutet "duldsam" oder "tolerant" aber es geht um noch mehr als allein dies. "Gaman" ist eine Tätigkeit und ein Prinzip, eine Tugend – es schreibt dem Ertragen schwieriger Situationen einen Wert zu. Es ist das Zusammenspiel davon, sich in etwas voll und ganz hineinzubegeben und den guten Kampf zu kämpfen.

Es gibt Zeiten, in denen Gaman eine Qual ist. Manchmal scheint das Erdulden von Mühsal als Tugend einfach Quatsch zu sein, besonders dann, wenn wir uns die Situation ganz leicht weitaus angenehmer gestalten können. Aber als kultureller Wert ist es sehr belebend, dein Bestes zu geben und Mühsal zu ertragen. Ich kann und will nicht für andere Amerikaner sprechen, aber ich habe mich viel zu oft der angenehmen Seite zugewandt, wenn es darum ging, es mit Schwierigkeiten klaglos aufzunehmen.

Ich mag es, glatt durchzukommen, ich mag Komfort, ich greife nach allem und jedem, das mir das verbleibende letzte bisschen Unbehagen lindert. Das wäre nicht so schlimm, wenn es zumindest doch funktionieren würde. Aber zu oft bin ich benebelt aus einem weiteren Tag herausgetaumelt, in dem ich vor der Wirklichkeit geflohen bin – und ich fragte mich, ob es nicht noch einen anderen Weg gäbe. Die Verbindung zwischen Komfort, Konsum und Glück scheint viel flüchtiger zu sein, als ich einst dachte. Hier bin ich in Japan, meine Ängste vor einem Winter ohne Heizung werden wahr und ich bin glücklicher denn je.

Das unbeabsichtigte Resultat ist, dass ich weniger Ressourcen verbrauche, obwohl das nie ein Ziel von mir war, dass ich viel mehr Zeit mit meiner Familie verbringe und dass eine eigenartige Befriedigung darin liegt, dass ich den schwierigeren Weg nehme und es mir dennoch gut geht. Das läßt mich über Gaman nachdenken und wie dieses Konzept dazu passt, ein nachhaltiges Leben zu führen – und dass es vielleicht doch nicht ein so gar fremdländisches Konzept ist...

Gab es nicht eine Zeit, in der harte Arbeit allein schon deshalb geschätzt wurde, weil sie hart war? Waren wir in früheren Jahren nicht stoischer? Ich frage tatsächlich, weil ich es nicht weiß, es ist allein ein Gefühl. Ich habe mich immer darüber lustig gemacht, wenn die Veteranen längst vergangener Zeiten mir erzählt haben, wie sie kilometerweit in 3 Meter hohem Schnee bergan zur Schule und wieder heim gegangen sind. Diese Opa Simpsons einer Welt, deren altmodischen Entbehrungen hoffnungslos jenseits dieser Zeit zu sein schienen.

Dennoch lag ein Stolz in ihrer Stimme den ich nicht wirklich verstand. Jetzt, vielleicht, komme ich der Sache näher. Ich mag es, wenn wir uns rund um den Kotatsu zusammenkuscheln, ich mag das einfache Vergnügen eines heißen Bades am Ende eines kalten Tages, die heiße Wärmflasche an meinen Füssen. Ich mag es, es mit der Eiseskälte des Winters aufzunehmen.

Und das Beste ist: Ich muss mir keine Gedanken mehr darum machen, die Milch in den Kühlschrank zu stellen.

Dieser Artikel ist unter dem Titel How to cut out home heating oil – Japanese style zuerst als Gastbeitrag auf Colin Beavans Website No Impact Man erschienen. Sean Sakamoto ist Autor des Blogs I'd Rather Be In Japan. Übersetzung Dirk Henn.

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: 52 Wege/Sean Sakamoto

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