Das Ende des Schubfach-Lebens und die Auflösung von Grenzen

Viele Räume, grosse Leere

Viele leere Räume       Foto © Photocapy/flickr

Jonathan Mead

Die Bestimmung meines Lebens liegt darin, in völliger Kongruenz zu leben.
Ich würde sagen, dass es auch deine Bestimmung ist – und womöglich die Bestimmung eines jeden Menschen – wenn wir die Idee nur weit genug treiben.

Lass uns also zunächst darüber sprechen, was das überhaupt bedeuten soll. Denn wenn es dir wie mir geht, erinnert dich das Wort "kongruent" bestenfalls an den Geometrieunterricht in der siebten Klasse und an nicht viel mehr. Doch tatsächlich hat das Wort eine weitere Bedeutung, und die ist "Übereinstimmung".
Wenn du in Kongruenz lebst, in völliger Übereinstimmung, steht kein Teil von dir im Widerstreit zu irgendeinem anderen Teil von dir.

Es gibt keine Uneinigkeit. Kein Gestörtsein, kein "So-tun-als-ob".
Lange Zeit habe ich mein Leben in strikter Unterteilung gelebt. Ich war eine Person mit meinen Freunden, eine andere auf der Arbeit und wieder eine andere Person mit meiner Familie oder meiner Frau. Es ist diese Art von Zersplitterung, die dir die Lebensenergie abzieht.

Ganz klar, wir alle sind vielgesichtige Wesen. Wir sind nicht in jeder Situation und zu allen Zeiten die gleiche Person. Wir sind keine binären einfunktionalen Amöben. Wir teilen uns vielfältig mit, wir verleihen unserem Wesen auf unterschiedlichen Wegen Ausdruck, abhängig davon, was für die Ereignisse, die uns umgeben, angemessen ist.
Das ist natürlich und voll und ganz in Ordnung.

Nicht natürlich und nicht in Ordnung ist es, dir nicht selbst treu zu bleiben – indem du dich selbst manipulierst, um dich der Gestalt dessen, was angemessen oder unangemessen erscheint, anzupassen.

Das ist die Art, in der ich zu leben gewohnt war. Langsame Erstickung.

Interessant daran ist, dass genau dies die Art und Weise ist, in der von uns Menschen erwartet wird, zu leben – Schubfächer für jeden Teil unseres Lebens, wobei die Beziehungen von einem Bereich zum nächsten oftmals kaum mehr erkennbar sind.
Lange erkannte ich nicht, dass ich genau das tat. Ich konnte an nur einem Tag fünf unterschiedliche Personen sein, und keine von ihnen war ich. Sie alle beinhalteten Facetten meines Selbst, versteckt hinter meinen Versuchen etwas zu sein, dass ich nicht war, mit dem Ziel, die Anerkennung anderer zu erheischen.
Ich war eine etwas andere (und mehr "so-tun-als-ob") Person im Kreise der Familie, als ich es mit meinen Freunden war. Ich war eine andere Person mit meinen Freunden, als ich es mit meiner Frau war – und wenn ich allein war, war ich wieder eine andere Person. Doch vor allem fühlte ich mich am meisten eingeengt von der Gegensätzlichkeit zwischen der Person, die ich auf der Arbeit war – und denen, die ich irgendwo sonst auf der Welt war.
Keine Ähnlichkeit, die komplette Täuschung.
Aber wie ich bereits gesagt habe: Diese Art von Doppelbödigkeit ist in unserer Gesellschaft voll und ganz akzeptiert. Nein, nicht nur akzeptiert, sie wird erwartet.
Es brauchte eine ganze Weile, bis ich erkannte, dass – obwohl sich eine Menge Leute entscheiden so zu leben – ich es ihnen nicht gleichtun muss.
Als ich erst einmal erkannte, dass ich diese Wahl nicht zu treffen brauche, konnte ich mehr meiner inneren Stimme folgen und die Beschränkungen, die ich mir selbst auferlegt hatte, loslassen.

Dann fragte ich mich eine lebensverändernde Frage:

Wie sähe das aus, in völliger Kongruenz zu leben? Wie würde es sich anfühlen, der eigenen Bestimmung in völliger Übereinstimmung Ausdruck zu verleihen, ohne Trennung, ohne Unterteilungen, frei von Dissonanzen?

Da erkannte ich, dass ich meine Lebendigkeit aus ganzheitlicher authentischer Aktion heraus entfalten will, ohne erneut Beschränkungen als Mittel der Begrenzung einsetzen.
Ich will, dass es keinen wahrnehmbaren Unterschied gibt – ob ich nun arbeite oder spiele. Keine Trennung zwischen der Bedeutung, die ich meinem Leben gebe und dem Weg, auf dem ich es lebe.
Wenn alles voll und ganz integriert ist, wenn dein Herz, dein Geist und dein Körper dich als ein Gefährt tragen, beginnt dein Leben etwas sehr Schönes zu werden. Dein Ausdruck ist natürlich, einzigartig und stimmig. Deine Kreativität fließt, offenen Herzens.
Und du suchst nicht länger irgendwas ausserhalb deiner selbst. Du findest Bestätigung aus dir selbst heraus.

Das Leben wird mühelos, wenn du nicht versuchst, irgendwas oder irgendwer zu werden. Dein Sein wird zum Ausdruck der unsagbaren Großartigkeit dessen, was bereits ist und trägt zu dessen Ausbreitung bei.
Deine Sehnsüchte, deine Träume, deine Bestimmung und dein Beitrag zu dieser Welt werden ein und dasselbe. Das bedeutet es, mit der Auflösung von Grenzen zu leben. Das bedeutet es, ganz und gar kongruent zu sein.

Dieser Artikel stammt von Jonathan Mead, er wurde erstmals auf seiner Website Illuminated Mind unter dem Titel De-Compartmentalizing Your Life and the Extinction of Boundaries veröffentlicht. Übersetzung: Dirk Henn.

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