Aus dem Landtagebuch

Die kleinen weissen Glocken des Frühlings

Die kleinen weissen Glocken des Frühlings

Tom Hodgkinson

DIE ERSTEN SCHNEEGLÖCKCHEN sind aufgetaucht. Ihre Ankunft lichtet langsam, ganz langsam die dunkle Schwere, die der Regen über das Land gelegt hat. Unser Hof ist eine einzige Schlammpampe. Er ruft mir den genervten Refrain meiner stadtliebenden Mutter in Erinnerung, den sie immer dann anstimmt, wenn sie zu Besuch kommt: „Ich mag Schlamm nicht. Ich mag es nicht!“

Die glücklichen Tage voll Schnee sind nunmehr Erinnerung. Aufgaben winken.
Ich habe zwei große Ladungen Holzscheite bestellt und sie stehen im Regen im Hof. Sie müssen gestapelt werden. Ein Stoß wird in der Holzscheune gestapelt und der andere in meinem neuen Brennholz-Trocknungs-Bereich. Das ist eine Reihe von drei Paletten, mit einem Schichtholz-Dach darüber, das Alan für uns auf Vordermann gebracht hat. Scheite, die hier zum Trocknen aufgestapelt werden, genießen alle Vorzüge des Windes und der Sonne, während sie gleichzeitig durch das Dach vor dem Regen geschützt sind und durch die Paletten vor der Bodenfeuchtigkeit. Deshalb sollten sie hier viel schneller trocknen als die Scheite, die in der schattigen Scheune eingelagert sind. Und soweit es um Holz geht, ist ein Plan, in der Umgebung viel mehr Restholz einzusammeln.
Um uns herum gibt es überall Wälder, voll von umgefallenen Bäumen und Ästen, die niemand mitnimmt. Wenn wir große Äste nach Hause schleppen könnten, wäre das eine kostenfreie Versorgung mit Holz. Die Frage wäre dann, wie wir das Holz zerkleinern könnten. Für diesen Zweck ist mir eine elektrische Kettensäge empfohlen worden. Sie kosten um die 120€ und sind leiser und sicher als ihre benzingetriebenen Cousins. Doch bevor ich das mache, werde ich erst Nick fragen ob er nicht mit seiner Kettensäge vorbeikommen kann und uns die Hecken schneiden und das Holz zerkleinert. Wir könnten sicherlich eine Menge Umsonst-Holz in der nahen Umgebung finden und es nutzen, um die äußere Erscheinung des Hofes aufzuwerten. Ein Leser hat vorgeschlagen, dass wir das Pony nutzen, um Holz zu sammeln, um so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Eine Nutzung für das Pony zu finden und das Geld für Holz einzusparen. Das ist ein ausgezeichneter Plan.

ES GAB EIN PROBLEM mit der Holzfeuerung, die wir letztes Jahr in mein Arbeitszimmer eingebaut hatten: Wenn sich die Brennkammer erhitzte, entwichen giftige Gase in den Raum. Die Gase, so mutmaßten wir, kamen von der Ziegelwand hinter dem Ofen, die wir mit schwarzer Bodenfarbe gestrichen hatten. Alan kam, trug die Farbe ab und strich die Wand erneut mit richtiger Ofenfarbe – jetzt funktionert es wunderbar.

Die neuen nicht-stinkenden schwarzen Ziegel

Die neuen nicht-stinkenden schwarzen Ziegel

MEINE NEUE SAMENBESTELLUNG von der „Real Seed Company“ ist eingetroffen und ich setze große Hoffnungen in ihre Samen. Sie sind eine kleine Firma mit Sitz in Wales und sie ermuntern dich, Samen zu sammeln.
Aber der Gemüsegarten sieht wirklich schrecklich aus. Wir haben ihn mindestens zwei Monate lang vernachlässigt und er ist mit Unkräutern und Gras bedeckt. Ich hätte das ganze im Herbst düngen sollen, aber irgendwie habe ich immer nicht die Kurve gekriegt. Ich denke, ich brauche Hilfe, insbesondere da ich vorhabe, in diesem Jahr viel mehr Gemüse anzubauen. Bohnen und Erbsen, Bohnen und Erbsen: Darauf werden wir uns konzentrieren. Das und Salat. Und Möhren. Und Rote Rüben. Und Pastinaken. Aber diese Samen sähen sich nicht von selbst.

WIR WAREN wieder mit Brian auf Frettchen-Stöbertour. Vorsichtig haben wir die Hasenbau-Eingänge mit Netzen versehen und dann schlüpften fünf Frettchen in den Bau. Die Frettchen haben ihre Arbeit hervorragend gemacht, und fünf Hasen entflohen ihrem Bau, aber alle fünf entwichen unseren Fallen irgendwie. Wieder sind wir mit leeren Händen nach Hause gegangen. Nächstes Mal werden wir ein langes Netz aufstellen, um alle Ausreisser einzufangen. Bernard, der die Markise flickt, erzählt dass sie seinerzeit mit Frettchen und Gewehr losgezogen ist und dass sie normalerweise sechzig Hasen gefangen haben, die sie an den Metzger verkauft haben.

Twister und Whisper hoffen auf Erfolg – beim nächsten Mal

Twister und Whisper hoffen auf Erfolg – beim nächsten Mal

DER BUNTSPECHT hat das Vogelhäuschen einige Male aufgesucht, es war sehr spannend das zu beobachten. Wir haben auch einen Bussard gesehen, wie er in der Esche gegenüber unserem Haus saß.

IM HÜHNERHAUS HERRSCHT CHAOS. Das weiße Huhn ist, wie wir jetzt wissen, mit absoluter Sicherheit ein Hahn. Victoria hörte ihn krähen und ich sah ihn energisch eine Henne besteigen, sehr wahrscheinlich seine eigene Mutter. Also ist er erwachsen geworden und der arme junge Mann ist verwirrt. Er hat versucht, sich abzusetzen und seine eigene Brut aufzubauen, aber das war nicht von Erfolg gekrönt.

Der Ersatz-Hahn

Der Ersatz-Hahn

Wir werden ihn schleunigst von der Bildfläche verschwinden lassen müssen, entweder indem wir ihn fortgeben oder indem wir ihn essen. Sonst wird er den anderen Hahn angreifen. Es ist eine Schande ihn zu töten, da er ein wirklich schöner Vogel ist, aber es gibt wenig Bedarf für Hähne und wie auch immer, er gäbe ein hervorragendes Essen ab. Das andere Küken, das hier geboren wurde, ist eine Henne, und sie hat möglicherweise sogar schon damit begonnen, Eier zu legen: Ich fand gestern ein sehr kleines Ei. Noch immer finden wir ein oder zwei Eier am Tag.

ICH HABE ZUM ERSTEN MAL Marmelade gemacht. Zwei Kilogramm Sevilla-Orangen ergaben zehn Gläser. Dieses Mal benutze ich ein Thermometer, um das Gelieren punktgenau bestimmen zu können – besser als sich auf diesen unzuverlässigen „Geliertest“ mit Hilfe eines Löffels zu verlassen, der in all diesen Büchern empfohlen wird (stammen die Rezepte, die in diesen Rezeptbüchern abgedruckt werden, eigentlich aus eigener Erfahrung? Sie gleichen einander so sehr, dass es scheint, als ob sie alle den selben Ursprung haben). Sie ist wahnsinnig köstlich. Mein einziger Fehler war, die Schalenstücke zu dick zu schneiden. Der optische Eindruck des Brotaufstrichs ist so ein wenig peinlich aber es ist nicht schlimm. Und wie Bernard aufmunternd gesagt hat: „Du weißt es dann fürs nächste Mal, nicht war Tom?“ Und ich habe meine Kreation „Dickmarmelade“ genannt, in der Absicht, meinen Fehler zu überdecken, indem ich vorgebe, dass die überdimensionierten Schalenstücke tatsächlich eine kulinarische Innovation darstellen.

Toms erste Marmelade

Toms erste Marmelade

Dieser Artikel stammt von Tom Hodgkinson, er wurde erstmals auf seiner Website The Idler unter dem Titel Country Diary 91 veröffentlicht.

Kommentare

Grüße aus der Stadt

Ach, die Welt ist bunt. Tom schildert hier den Alltag als jemand aus der ländlich-alternativen Downshifter-Richtung. Es gibt auch noch die Tendenz der städtischen Aussteiger, die bürgerlich-hobbymäßigen Extremgeizigen, die ökologisch orientierten Verschwendungsvermeider (in Stadt und Land), die subkulturellen Schnorrer (typischerweise: Punks) und die unauffällig sozial integrierten Sparverbraucher. Auffällig ist, dass diese Gruppen wenig miteinander zu tun haben, obwohl sie - aus unterschiedlichen Motiven - ähnliche Verhaltensweisen zeigen. Ich denke, die könnten sich mit Tipps und Tricks gut gegenseitig helfen.

The Idler-Fan

Hallo :),

ich bin noch neu hier auf diesem Blog, aber seit Jahren interessiert am einfacheren Leben und habe auch schon vieles getan, um mein Leben in diese Richtung zu bringen. (Mein Traum wäre eine ähnliche 4 x 4 m-Hütte wie die von Anne Donath, "Wer wandert braucht nur, was er tragen kann".)

Ich bin ein großer Tom Hodgkinson-Fan. (Bis auf die Tatsache, dass er nichts dabei findet, Alkohol bei der Kinderbetreuung zu trinken.) Besonders sein Buch "Die Kunst frei zu sein" ist bei mir dauernd in Gebrauch und völlig zerlesen und mit Notizen gespickt. Sehr inspirierend, immer wieder. Vielleicht sollte man doch auch mal seinen "Idler" lesen ...

Jetzt hab ich hier den RSS-Feed abonniert und bin mal gespannt auf die nächsten Beiträge.

Herzliche Grüße,

Sandra

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